Der Mensch hat Vorrang

Schorndorfer Nachrichten, 2017-11-02: Dr. Boniface Mabanza-Bambu, Philosoph und Theologe, sprach in der Stadtkirche über die Papstkritik an der Welt des Geldes

Schorndorf. „Diese Wirtschaft tötet.“ Was Papst Franziskus in seinem Lehrschreiben „Evangelii Gaudium“ 2013 beklagte, spricht Dr. Boniface Mabanza-Bambu aus der Seele: In seinem Vortrag, der im Rahmen des Skulpturen-17-Projekts in der Stadtkirche stattfand und das Reformationswochenende einläutete, unterfütterte er die päpstlichen Worte mit trauriger Wirklichkeit und forderte einen konsequenten Perspektivenwechsel: Weg von der Anbetung des Geldes, hin zum Menschen und einer solidarischen Ökonomie.

Einen Vortrag über die Aussagen eines Papstes zu halten, das ist Dr. Boniface Mabanza-Bambu bisher auch noch selten passiert – „und wenn“, bekannte der Literaturwissenschaftler, Philosoph und katholische Theologe aus Kongo, der seit 2008 als Koordinator der kirchlichen Arbeitsstelle Südliches Afrika in Heidelberg arbeitet, „um dem Papst zu widersprechen“. Doch was vor vier Jahren von der Presse, von sozialen Bewegungen und progressiven Theologen mit Begeisterung aufgenommen wurde, das die Deutsche Bischofskonferenz dann aber nur auf wildkapitalistische Länder reduzierte, nimmt auch Mabanza-Bambu zum Anlass, die strukturellen Probleme des neoliberalen Kapitalismus anzuprangern – und Nein zu sagen zu einer Wirtschaft der Ausschließung, zu einer Vergötterung des Geldes und zu Geld, das regiert statt zu dienen.

Über Geld als Universalreiniger, als Lösungs- und Schmiermittel nachzudenken – wie es ja auch Bernd Hennig in seiner Nischenkunst an der Stadtkirche tut – das steht für Pfarrerin Dorothee Eisrich in bester reformatorischer Tradition. Vor 500 Jahren, sagte sie in ihrer Begrüßung, sei mit Luther auch einer aufgestanden, der nicht anders konnte. Mut und Kraft für den Widerspruch schöpfte er aus seinem Glauben, so Eisrich weiter und dankte Mabanza-Bambu am Ende seines Vortrags „für die klaren Worte“, zu denen die Stücke des Berliner Cellisten Martin Klenk wunderbar passten: Auch sie strichen, zupfen und schlugen in den Improvisationen gegen die glatte Oberflächlichkeit an und gegen die Gefälligkeit.
Papst Franziskus: Wirtschaftssystem als Bekenntnisfrage

Denn das ist es, was auch von einem Papst erst mal keiner erwartet hätte: Erfrischende Inhalte, eine unwattierte Sprache – und den Mut, als Mann des Evangeliums wie Fidel Castro oder der wiedergeborene Karl Marx zu sprechen. „Papst Franziskus“, so Mabanza-Bambu in seinem Vortrag, „macht das Wirtschaftssystem zur Bekenntnisfrage“ und proklamiert ein Konzept der solidarischen Ökonomie auf der Basis des Evangeliums. Nicht die Schwächen einzelner Manager sind also Kern des Übels, sondern es ist die Struktur, die tötet: Produktionsauslagerungen in Länder ohne Sozial- und Umweltgesetze; Agrarsubventionen und Raub von Land, das den Armen gehört; eine Handelspolitik, die die Liberalisierung vorantreibt und Arbeitsplätze vernichtet; eine Rüstungsindustrie, die Waffen sogar in Krisengebiete exportiert; Ausbeutung, die Löhne immer weiter zu drücken versteht; eine Übernutzung der natürlichen Ressourcen und Vernichtung von Lebensgrundlagen, gerade in den armen Ländern.

Wer so handelt, so Mabanza-Bambu in seiner Analyse der päpstlichen Kritik weiter, leugne den Vorrang des Menschen. Statt sich von neoliberalem Denken in Geiselhaft nehmen zu lassen, müsse die Politik aktiv Rahmenbedingungen festlegen – und einen Ausgleich schaffen zwischen Arm und Reich, zwischen Mensch und Natur und zwischen den Generationen. Ein „Weiter so“, ist Mabanza-Bambu sich sicher, führe in die Katastrophe – „und das merken wir schon jetzt“. Der Klimawandel etwa hat bereits enorme Flüchtlingsbewegungen verursacht. Um immer noch mehr und mehr Geld zu verdienen – ohne überhaupt noch die Nullen auf dem Kontoauszug zählen zu können –, werde die Natur zerstört und den Menschen so wenig für ihre Arbeit bezahlt, dass sie nicht mehr in Würde leben können.

Doch es gibt auch eine gute Nachricht: „Wir haben“, sagte Mabanza-Bambu, „die Ressourcen, um Auswege aus dieser Krise zu finden.“ Und das sind keine materiellen Mittel, sondern moralische, intellektuelle und spirituelle, „die es uns ermöglichen, uns anders zu definieren als die vorherrschende ökonomische Rationalität“. Sich als Mensch zu begreifen und auch so zu verhalten, das ist für Mabanza-Bambu das Entscheidende, wenn von einer Notwendigkeit des Umdenkens gesprochen wird. Wenn wir als Menschen also begreifen, dass wir nicht zum Konkurrenzkampf verdammt sind, sondern auf Kooperation angelegt sind. Was ist Leben? Was ist der Mensch? Was braucht der Mensch, um sich als Mensch zu entfalten? Für Mabanza-Bambu ist die Rückkehr zu diesen Basics entscheidend. Unter dem Triumph des neoliberalen Denkens, klagt er, seien doch selbst diese Fragen den Ökonomen anvertraut worden. Und dabei sei die Anhäufung von Reichtum gar nicht für alle Menschen das Wichtigste. Das Evangelium, so Mabanza-Bambu weiter, lege uns nahe, Licht und Salz für die Welt zu sein. Christen als Agenten des Wandels also – aber weniger, um am Bahnhof zu missionieren, sondern das Feld des Wirkens auf die Welt auszuweiten: „Außerhalb der Welt gibt es kein Heil.“

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto:  Gabriel Habermann

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