Der Blick erhobenen Hauptes

Schorndorfer Nachrichten, 2017-04-03: von der unheimlichen Macht und dem vergegenwärtigenden Trost der Bilder / Zu den Bildobjekten an der Stadtkirche

Schorndorf. Man hatte im Vorfeld vom Rumoren der Zweifler gehört, ob da wirklich ein Segen auf der Sache läge. Nun sind die Kunstobjekte enthüllt, und man staunt. Da ist nirgends ein Werk, das zum Skandal provoziert; herausgefordert wird zum betrachtenden Dialog. Alle Künstler haben sich auf ihre je eigene Weise auf das ihnen vorgegebene Thema und besonders den Ort ihrer Präsentation – die Schorndorfer Stadtkirche – eingelassen: Sie strahlt.

Der Münchner Theologe Peter Schüz wies in seiner Einführung zu den einzelnen Werken darauf hin: auf die sich durch die Geschichte aller Religionen ziehende Spannung zwischen dem Willen zu Darstellungen des Heiligen – und deren Zerstörung als „Götzenbilder“. Hier das scheinbar eindeutig offenbarte Wort, das gehört werden soll, dem dann auch gehorcht werden muss – dort die Bilder der Vergegenwärtigung des Göttlichen, die gesehen werden können, die zu Deutungen anregen, die vieldeutig sind – mithin Freiheiten lassen.

Das religionsgeschichtliche Dilemma liegt nun darin, dass die Ab-Bildungen immer wieder für das Eigentliche genommen, an Gottes statt angebetet, zu Fetischen wurden. Dagegen richtete sich der durchaus berechtigte Zorn der Bilderstürmer, dem Gottesgebot folgend: „Du sollst dir kein Bildnis machen“. Das Göttliche bleibt undarstellbar und braucht doch eine Anschauung.
Heiligenbilder als Vermittler, Abwehrzauber und Trostspender

Die Darstellungen des Heiligen ermöglichen, aber auch die Freiheit der Distanz. Dann, wenn sie nicht kultisch verehrt werden müssen, können sie zu Vermittlern werden zwischen den Sphären des Profanen und – nennen wir es – des Unbedingten. In den Vermittlungen wird der Wandel der Vor-Stellungen verhandelbar. Die Heiligen, wie sie an der Schorndorfer Stadtkirche angebracht waren, wurden verehrt als solch gnädige Vermittler, dienten aber auch als Schadensabwehrzauber – und große Trostspender. Was aber kann gegenwärtige Kunst in einem religiösen Kontext uns heute bedeuten?

In seiner inspirierten Laudatio auf die Künstler des Skulpturenprojekts (abgedruckt auch im sehr schönen Katalog zur Ausstellung) legte Peter Schüz öffnende Spuren zur Annäherung, zum Dialog mit den einzelnen Werken.

Gefaltete Boote flattern da im Wind, darunter ein Rettungsring und ein Seil. „Das Prinzip Hoffnung“ heißt dieses seltsame Mobile von Alfons Koller (Winnenden), in dem sowohl die Kirche als (rettendes) Schiff wie die aktuelle Not der übers Meer fliehenden Flüchtlinge assoziiert werden können. Das Wasser, trägt es wirklich jeden, der an Jesus glaubt?

„God bless you“ nennt Josefh Delleg (Göttingen) seinen schwarzen Holzknüppel aus Eiche mit dem eingravierten Segensspruch. Eine Geißel, die ambivalent dafür stehen mag, dass Gott den schlägt/segnet, den er liebt? „Bis in unsere Tage reicht die Blutspur religiös motivierten Terrors, dessen bedrohliche Präsenz so unmittelbar in der Mitte der Gesellschaft präsent ist wie die Stadtkirche“, schreibt Schüz.

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Eine rosa Plastikfigur, so ein bisschen zwischen Riesengummibärchen und Michelinmännchen, nimmt (sprungbereit?) Haltung an auf einem Brett, hinter dem ein Spiegel die Gestalt in die Kirche selbst hinein zu verlängern scheint. „Wer ankommen will, muss weggehen“ nennt sich diese Installation von Hardy Langer (Schorndorf). „Die eigene Stellung zu Kirche und Gesellschaft“, so Schüz, „wird in der Metapher des Herein- oder Hinausgehens unmittelbar zum Thema gemacht“.

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In der „Säule der Hoffnung“ von Angela M. Flaig sind wie in einem Einmachglas Pusteblumen gelegt. Darin abertausende Löwenzahnsamen als eine „Botschaft der Hoffnung“ auf das Aufgehen der Saat, in einer Skulptur „der Schwerelosigkeit“. Die Rechtfertigung durch unverfügbare Gnade ist das reformatorische Thema des Draht-Licht-Gespinstes „Freispruch 3.0“ von Britta Ischka (Adelberg). „Tagsüber in den Verstrickungen und um sich selbst kreisenden Wirrnissen des Lebens verborgen, kommt die Freiheitsbotschaft“ – als tief innen verborgene Leuchtschrift – „erst im Dunkeln zur Erscheinung.“ Zwei sehr poetische „Säulen“ des filigran modellierten Verweisens auf diesseitige Transzendenz.

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Sibylle Ritter (Inneringen) lässt ein automatisiertes LED-Lauflicht, wie man es etwa von Flughäfen kennt, mit dem Wunsch „Wir wollen Wunder“ glitzernd in den Himmel streben. „Regelmäßig wie der Herzschlag leuchtet im Menschen eine geheimnisvolle Unzufriedenheit mit der Welt auf, die in ihm die latente Sehnsucht nach dem Wunder, nach einem Durchbruch des Göttlichen inmitten der Profanität der Welt weckt.“

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„Turm 2“ ist eine durchaus wacklig anmutende Baukonstruktion von Matthias Stuchtey (Berlin), in der Schüz ein „Transformationsgeschehen“ angedeutet sieht: „Ist die wahre Kirche vielleicht weniger ein einheitliches Gebilde, als vielmehr etwas filigran Zusammengesetztes, etwas aus der Lebenswelt der Menschen zu einem Ganzen Zusammengefügtes?“ Das, möchte man hinzufügen, jederzeit einstürzen kann. Die Wohnungen des Menschen, nur geborgte Nistplätze?

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Über den äußerst prekären religiös-kapitalistischen Zusammenhang von Gott, Geld und Erlösung, wird man bei der Bronzeblech-Skulptur von Bernd Hennig (Birkenfeld) nachdenken müssen. Sein Blechschild hat die Form einer Flasche, wie man sie von Haushaltsreinigungsmitteln kennt und heißt denn auch „Universalreiniger“. Das eingestanzte Wort „Geld“, als Brandzeichen unserer säkularen Welt der absoluten Ersetzbarkeit, suggeriert dabei das universale Lösungsmittel zur scheinbaren „Reinigung“ von Konflikten aller Art. Jesus’ Aktion der Vertreibung der Geldwechsler aus dem Tempel, das Ablasswesen zu Luthers Zeiten, grundieren historisch dieses Werk, das nur (Ober-)Fläche zeigt, Körper und Substanz aber verweigert.

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Aus abstrakten, kubischen Holzelementen besteht die Skulptur „Verbindung“ von Gerda Bier (Schwäbisch Hall). Diese Arbeit steht, so Schüz, „dem ursprünglichen Figurenprogramm der Nischen am nächsten und lässt trotz ihrer kantigen Formgebung organische, menschliche Umrisse erahnen, die durch die lebendige Holzmaserung unterstrichen werden.“ Aber auch die Architektur der im Inneren der Kirchen stehenden Orgeln, mithin ein musikalischer Akzent, schwingt bei dieser elegant geschwungenen Arbeit mit.

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Kirche und Mysterium: „Ich weiß auch nicht, was das sein soll“ nennt Rainer Ecke (Stuttgart) seine schwarz leuchtende Beton-Skulptur, bei der ein akrobatisch anmutendes Glieder-Schuhgeflecht irgendwie Halt in einem halbwegs Gesicherten oben oder unten zu suchen scheint. „Die Schöpfungserzählung“ kommt hier Schüz in den Sinn, als be-stürzender Unglücksfall?

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„Die beiden aus Abflussrohren bestehenden Skulpturen von Thomas Weber mit dem Titel ‘Die Fremden’ muten dem Betrachter etwas zu“, sagt Peter Schüz zu diesen mit zu zwei kulturell gegensätzlichen Identifikationen verführenden Kopfbedeckungen versehenen hohlen Durchläufen. Identität? Wer bin ich und wer bist du? Machen zwei verschiedene Hüte schon den Unterschied zwischen zwei gleich hohlen Baukörpern? Das Araberkopftuch (abgründigerweise ein sehr deutsches Geschirrtuch) und die Baseballmütze mit T(rump)-Abzeichen? Wo ist der Unterschied?

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Eine rote Fahne mit der Aufschrift „Mittwoch“ lässt hingegen Andreas Schmidt (Berlin) aus seiner Nische flattern. Warum nicht Freitag, Samstag oder Sonntag, den heiligen Feiertagen der Moslem, Juden oder Christen? Vielleicht gerade deshalb? Ist nicht jeder Tag ein Tag des Herrn?

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Und schließlich gab es dann an diesem Abend die einmalige Performance von Thomas Putze (Stuttgart), der als „Säulenheiliger“ für 15 Minuten eine der Nischen besetzte. Nackt. Eingerieben mit grauem Steinstaub. Und es wurde kein Skandal. Wie er da in sieben Metern Höhe stand, war er das lebendige Bild des Ausgesetztseins, und das hatte nichts Obszönes. Ein Narr zum Erbarmen war da zu sehen, wie er in der Spanne zwischen Stein und Fleisch – wie wir alle – bedürftig war. Sich kratzte, fror, schlotterte, Ausschau hielt, Halt suchte. Und auch wir gehörten zu dieser Performance. Als Gaffer. Das Martyrium der Heiligen – was für ein ästhetischer Lustgewinn. Auch Kunstbetrachtung ist nicht unschuldig. Und doch kann man in den nächsten Monaten in Schorndorf lernen – nicht verehrend, aber erhobenen Hauptes, immer wieder den Dialog mit diesen Kunstwerken zu suchen.

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© Schorndorfer Nachrichten, Foto: G. Habermann

 

 

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