Musikalische Einübung ins Mit-Leiden

ZVW, 2012-04-09: Bewegende Karfreitagsaufführung von Antonin Dvoraks „Stabat Mater“ in der Stadtkirche


 
Schorndorf. Mit einer bewegenden Aufführung von Antonin Dvoraks „Stabat Mater“ für Solisten, großen Chor und Orchester bestritt Kirchenmusikdirektorin Hannelore Hinderer in der voll besetzten Stadtkirche ein lange nachklingendes Karfreitags-Konzert.
 
Der christlichen Männerriege aus Vater, Sohn und Heiligem Geist musste im katholischen Hochmittelalter ein weibliches Element hinzugefügt werden. Mit der aufblühenden Marienverehrung wurde die Mutter Gottes zur volkstümlichen Appellationsinstanz. So entstand im Umkreis der franziskanischen Erneuerungs- und Armutsbewegung um 1200 der gebetsartige Text „Stabat Mater“, der als Anrufung Marias eine ganz erstaunliche (sowohl individuelle wie gesellschaftliche) Einübung in die Fähigkeiten des Mitfühlens und Mitleidens darstellt.
 
In der Musikgeschichte wurde dieser Text von der Renaissance bis zur Moderne immer wieder vertont. Dabei ist die von Kirchenmusikdirektorin Hannelore Hinderer nun zur Aufführung gebrachte Version des tschechischen Komponisten Antonin Dvorak (1841-1904) eine der längsten und eine von einer besonderen innigen Frömmigkeit getragene. Für die Zuwendung des aus einfachen Verhältnissen stammenden Metzgersohnes Dvorak zu genau diesem Thema, das Leid der Mutter Maria beim Verlust des Sohnes, mag eine biografische Rolle gespielt haben, dass in der Mitte der 1870er Jahre innerhalb kurzer Zeit drei seiner eigenen Kinder starben.
 
Zum Himmel aufschreiende Klage der Mutter unter dem Kreuz
 
Mit einer großen Klage hebt denn auch seine Komposition über die unter dem Kreuz stehende schmerzensreiche Mutter („Stabat mater dolorosa“) an. Chor, Solisten und Orchester winden sich dabei gemeinsam klagend in höchste Höhen zum „dolorosa“, laut bis zum Himmel schreiend. Langgezogene Instrumentalpartien lassen dabei den Schmerz wie einen unentfernbaren Stachel erscheinen. Es ist auch musikalisch die pure Erschöpfung dieses langen Satzes, die die Qualen endlich mildert.
 
Mit „Wer wäre der Mensch, der nicht weinte, wenn er die Mutter Christi sähe . . .?“ beginnt der 2. Satz, und es sind die vier Solisten, die das Thema des Mittrauerns in vielen Wiederholungen seufzend durchdeklinieren. Es ist ergreifend, wie dadurch das Mitleiden jede Abstraktion verliert und zu etwas grundlegend Existenziellem für jedes Individuum behauptet wird.
 
Es ist der Chor, der im düster schreitenden Rhythmus des dritten Satzes Maria als „Quell der Liebe“ anruft. Mit „me sentire“, „lass mich fühlen“, endet die Partie in einem schon wärmeren Schlusston. Das lateinische „Fac“, also die Bitte „Mach, dass . . .“ ist die häufigst gebrauchte Vokabel der Anrufung in diesem Text. „Mach, dass mein Herz brenne“ im vierten oder „Mach, dass ich wahrhaftig mit dir weine“ im 6. Ansatz sind die innig demütigen Beschwörungsformeln, denen Dvorak einen reichen dramatisch-musikalischen Ausdruck verleiht.
 
Flirrende Streicher zum Seelengeschwirr ins Paradies
 
Da unterlegt er etwa im 5. Satz die Bitte des Chors, das Teilen des Leidens zu üben, mit einem verführerisch wiegenden 6/8-Takt. Oder gibt im folgenden Satz dem warm singenden Chor etwas innig Volksliedhaftes. Arienartig die Sopran- und Tenorsolisten im Duett des 8. Satzes, in dem das Orchester sozusagen „von unten“ zu einer Ergebenheit ins Schicksal ermutigt, die dann schon fast einen (bürgerlichen) Fin-de-Siècle-Fatalismus zur Zeit Dvoraks vorwegnimmt.
 
Triumphal wird zum Finale durch die „Gnaden“-Beschwörung des hellen Alt hingeführt. Dort wird dann in einer grandiosen Schlussverklärung nach einem wie gehämmerten „Amen“ eine Apotheose der menschlichen Seele instrumentiert: Flirrende Streicherstimmen intonieren ein sirrendes Seelengeschwirr in höchste Höhen, ins Jenseits des Paradieses. Realistisch genug lässt Dvorak aber den Hörnern des schmerzreichen Anfangs den allerletzten Ton seiner „Stabat Mater“.
 
Bewundernswert, mit welch Intensität, Frische und Klangreichtum Chor, Solisten (Laura Corrales, Sopran, Cornelia Karle, Alt, Tobias Wall, Tenor, und Torsten Müller, Bass) und das Ensemble „Musica Viva“ aus Stuttgart unter der gleichermaßen einfühlsamen wie mitreißenden Leitung von Hannelore Hinderer dieses bewegende Werk der Einübung ins Mit-Leiden und des Trostes auf Wiederauferstehung der Seelen zur Aufführung brachten!

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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