Immer wieder vor Damaskus

ZVW, 2014-11-25: Gefeierte und großartige Aufführung von Mendelssohn Bartholdys Oratorium „Paulus“ in der ausverkauften Stadtkirche

Schorndorf. Zweieinhalb Stunden hochkonzentrierte Musik, so anmutig wie energisch dirigiert von Kirchenmusikdirektorin Hannelore Hinderer. Felix Mendelssohn Bartholdys monumentales Oratorium „Paulus“ für Solostimmen, großen Chor und Orchester ließ mehrere Hundert Hörer in der Stadtkirche teilhaben am Konversions-Drama des Saulus zum Paulus.

Große Kunstwerke zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht „alt“ werden. Das heißt, bei jeder Neubegegnung treffen sie einen Nerv der aktuellen Gegenwart, der dem Leser oder Hörer in dieser Schärfe so noch nicht zu Bewusstsein gekommen war. So erging es einem nun mit dem Oratorium „Paulus“, weil wir seit wenigen Jahren mit der Nennung des Städtenamens „Damaskus“ etwas anderes als zuvor verbinden: die tödliche Entfesselung der Gewalt im Namen ethnischer, politischer und eben auch religiöser Motive. Damaskus also, vor dem Paulus seine Gottesoffenbarung erlebte, die ihn vom Juden zum Christen, zum Konvertiten machte.

Präzis-psychologische Mob-Analyse mit den Mitteln der Musik

In epischer Dramatik (45 Stücke in acht Szenen) erzählt das 1836 fertiggestellte Oratorium die Christen-Verfolgungs-, die Bekehrungs- und schließlich die Missionsgeschichte des Paulus. Vorgeschaltet wird dabei die Steinigung des christlichen Märtyrers Stephanus, zu der Mendelssohn Bartholdy den Chor (Nr. 5 und 6), sozusagen angefeuert von einer aufschäumend hysterisierten Orchesterbegleitung, als im Staccato eifernde Hetzmeute komponiert, die das ihr gegenüber andere auszulöschen trachtet. „Weg mit dem! Er lästert Gott; und wer Gott lästert, der soll sterben.“ Es sind solche Stellen, bei denen sich unwillkürlich bedrängend aktuelle Bilder über die biblischen schieben.

Dagegen wird die innig klare Sopran-Arie aufgeboten, „Jerusalem! Die du tötest die Propheten, die du steinigst, die zu dir gesandt.“ Ein berührender Versuch des musikalischen Wegschmelzens der Verstocktheit. Der Chor indessen lässt nicht ab, tötet aus Taubheit. Zum lauten Verdrängungsfuror des Chorgeschreis gesellt sich eine alle Bedenken zudröhnende, beklemmend machende Musik. Das ist bewundernswert präzise psychologische Mob-Analyse mit den Mitteln der Musik!

Die erste Szene schließt mit einem besänftigenden Chorlied als Lob des Märtyrertums: „Denn ob der Leib gleich stirbt, doch wird die Seele leben.“ Das Christentum, denkt man da bang, im Anfang schon eine leibverachtende Todesreligion?

Als Eiferer im dröhnenden Bass wird uns zunächst auch Saulus vorgestellt. „Vertilge sie Herr Zebaoth, wie Stoppeln vor dem Feuer!“ Von entrückt sphärischer Durchsichtigkeit, keineswegs donnermächtig, dann das Damaskus-Erlebnis als geist-ätherischer Lichtstrahl des Gesangs. Und darauf wechselt auch der Chor die Stellung, getrieben von scheinbar immer näher rückender Musik, um dann triumphal in einen Offenbarungsjauchzer zu münden: „Mache dich auf! Werde Licht!“ Dazu Tutti mit Pauken, als ob es dann sicherheitshalber doch eingebläut werden müsste: „Seine Herrlichkeit erscheinet über dir.“

Die Umkehr präsentiert eine Arie (Nr. 18), in der die Selbsterkenntnis, „ein geängstetes und zerschlagenes Herz“, nun von neuem musikalischen Schwung begleitet, dem Versprechen zur Bekehrung der Sünder vorausgeht. „Ich will die Übertreter deine Wege lehren“, singt der kommende Missionar, und dann, doch etwas erschrocken ob der schnellen Wende, scheint da nicht ein (immer noch eiferndes?) Tönchen der Drohung mit zu hören zu sein?

Der Chor schwärmt ob dieses Konversionsschauspiels, nicht so ganz dur-rein, geschichtsvergessen und zukunftsfroh: „Wie gar unbegreiflich sind seine Gerichte und unerforschlich seine Wege!“ Wären hier musikalische Ambivalenzen mitzuhören, dann gehen sie vielleicht darauf zurück, dass das besondere Interesse des Komponisten gerade an Paulus auch seiner eigenen Familiengeschichte geschuldet sein mag. Die jüdisch assimilierten Mendelssohns traten alle zum Protestantismus über.

Triumphal beginnt die dritte Szene mit der Feier der durch Paulus auf den Weg gebrachten Globalisierung des Christentums. „Der Erdkreis ist nun des Herrn und seines Christ.“ Lieb-harmonischer Duett-Gesang von Tenor (Barnabas) und Bass (Paulus) nebst Musik: „So sind wir nun Botschafter an Christi statt.“ Beide als Statthalter Christi „den Heiden zum Lichte gesetzet“.

Der Paulus nun erneut entgegengebrachte Widerstand wird im besänftigenden Rezitativ des Soprans ins wiegend Zuversichtliche gehoben: „Der Herr stand ihm bei und stärkte ihn.“ Im grandiosen Schlusschor mit Apotheosendonner ein „Lobe den Herrn, meine Seele“ und langer, anerkennender Beifall für die glücklich erschöpften Beteiligten – der Schorndorfer Kantorei und Jugendkantorei, dem Ensemble musica viva Stuttgart und Angelika Lenter (Sopran), Cornelia Karle (Alt), Henning Jensen (Tenor) und Jens Hamann (Bass) – bewegter Beifall einer grandiosen Aufführung dieses bedenkenswert prekären Dramas einer das nur Historische sprengenden Konversion! Damaskus – ein Ort, der immer wiederkehrt.

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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