Musikalisch-religiöser Lichtwechsel

ZVW, 2014-08-04: Begeisterndes Hör-Seminar mit Hannelore Hinderer / Folge 4 der Konzertreihe mit Bachs gesamtem Orgelwerk

 

Schorndorf. Die Konzertreihe mit der Gesamteinspielung von Bachs Orgelwerk durch KMD Hannelore Hinderer ist eine so sinnliche wie religiöse Hörerfahrung. Geradezu begeisternd sind auch ihre kurzen Einführungen, die engagiert das Publikum an ihren Entdeckungen im Bach’schen Œuvre teilhaben lassen. Was für ein wunderbares Geschenk an die Schorndorfer Musikfreunde!

Das Interesse an dieser Konzertreihe ist anhaltend groß. Trotz Ferienzeit fand doch eine stattliche Anzahl von Musikfreunden in die Stadtkirche. Dort wartete Hannelore Hinderer wieder mit einer bis ins Detail ausgetüftelten Programmfolge auf, in der sich um die Achse der Fuge c-Moll das Alte im Neuen Testament spiegelte und vom dunkel Luziferischen der Sündenverfallenheit zur hell (er-)lösenden Jesusgestalt sozusagen ein existenzieller musikalisch-religiöser Lichtwechsel ereignete.

Sünderparade mit derbem Pfeifen und meckernden Quertönen

Dazu kam, dass mit dem Konzerttitel der vierten Folge, „Bach – inspiriert vom Norden und vom Süden“, zwei weitere unterschiedliche „Licht“-Pole, nämlich Bach in seinem Werk inspirierende Komponisten aus dem Süden und Norden Europas thematisiert wurden. Ein anspruchsvolles, hoch aufgeladenes Klanggefüge also, das die Kirchenmusikdirektorin in ihrem Konzert meisterlich – mit etlichen atemberaubenden Höhepunkten – zu Gehör brachte.

Nach dem eröffnenden Stück Präludium und Fuge a-Moll, einer Musik in warmem Moll mit einer, nun ja, hochgestimmten Gebeugtheit, folgten Choräle, die vornehmlich die Sündenverfallenheit des Menschen zum Thema hatten. Etwa das „Durch Adams Fall (ist ganz verderbt/menschlich Natur und Wesen“). Tief klagend vom Bariton Martin-Christoph Dieterich vorgetragen, verblüfft danach der Instrumentalteil, in dem die Orgel mit derbem Pfeifen und meckernden Quertönen so klingt, als ob die ungestalten Sünder vor Gott eine bußfertig beichtende Verbrecher-Parade abhalten. Ganz anders, ja geradezu schroff dem entgegengesetzt, die Musik zu „Ach Herr, mich armen Sünder (straf nicht in deinem Zorn“). Bach scheint die Bitte wohlwollend erfüllen zu wollen und findet besänftigend annehmende Töne, die den „armen Sünder“ geradezu zu verzieren scheinen.

Mit Christus erscheint ein neues Licht auf die Sündenvorstellung

Zwei entgegengesetzte Haltungen zum theologischen Problem der Sünde, die den unterschiedlichen Umgang – man könnte fast so weit gehen und sagen: den fundamentalistischen und den versöhnenden – musikalisch, mit gleicher Virtuosität, grandios entfalten. Und dann dieses immer wieder schmerzvoll berührende „Aus tiefer Not schrei ich zu dir“. Was für ein vielfältiges Stimmengemenge, das Bach hier miteinander prozessieren lässt!

Mit der Partita „Christ, du bist der helle Tag“ wurde von Hannelore Hinderer dann der theologisch-musikalische Beleuchtungswechsel eingeleitet. Es sind dann vor allem die sechs Variationen nach dem Choral, in denen antagonistisch und zugleich spielerisch neue Freiheiten entfaltet werden. Da meint man an einer Stelle ein entzücktes Vogelgepfeife zu vernehmen, als ob die Natur nun in den neuen Heilsprozess mit einbezogen wäre. Wenn man so möchte: Mit Jesus Christus erscheint auch die alttestamentarische Sündenvorstellung in einem neuen Licht. Das ist dann in der letzten Variation von geradezu utopischer Schönheit.

Wie mit einem Weckruf beginnt danach die Fuge c-Moll, ein unwiderstehlich verjüngendes Stück! Und es sind dann vier sich der Jesus-Figur widmenden Choräle, dessen „Allein zu dir, Herr Jesu Christ“ in einem musikalisch ausgelassenen Vertrauen mündet.

Zum Abschluss dann Bachs berühmter Hit, die „Toccata und Fuge d-Moll“, ein überwältigendes Entfesselungs-Kunststück, das am Ende dieses geistreichen Konzertes das mächtige Geistbrausen selbst zu Gehör zu bringen schien. Begeisterter Applaus des Schorndorfer Publikums.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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