"Dir jauchzet die Natur!"

ZVW, 2012-10-22: Was für ein Konzert: „Die Jahreszeiten“ von Haydn

Gefeierte Aufführung von Haydns „Die Jahreszeiten“ / Großartige Solisten, Kantorei und „Musica Viva“   Schorndorf. Was für ein Konzert! Konzentriert und wie von innen heraus funkelnd, bezauberte die warme Aufführung von Haydns „Die Jahreszeiten“ in der voll besetzten Künkelin-Halle. Zu bestaunen war dabei ein Hörbild, in dem das bis heute nachwirkende Arsenal unserer Stimmungen bei der Begegnung mit der sich wandelnden Natur erstmals farbenprächtig in Musik gebracht wurde.  

Die Perspektive, aus der Joseph Haydn in seinem 1801 entstandenen Oratorium auf „Die Jahreszeiten“ blicken lässt, scheint bäuerlich. Der Blick seiner Solisten Simon, Lukas und Hanne auf den Wechsel der Jahreszeiten und ihrer verschiedenen Tätigkeiten ist der von arbeitenden Landleuten. Tatsächlich ist das aber auch schon eine kunstvolle Maskerade, hinter der der enorme sinnlich-emotionale Reichtum bürgerlicher Empfindsamkeit (mindestens musikalisch) zu sich selbst kommt.  

Veredelungsprogramm der mit Natur verbundenen Gefühle  

So differenziert und facettenreich kann, ja muss man seither fühlen! Das scheint der Auftrag dieser Musik an ihre doch wohl gebildeten städtischen Hörer zu sein. Das entfernt sich aber nirgends ein-gebildet von den „niederen“ Schichten und Regungen, sondern bietet stattdessen ein fantastisch-aufklärerisches Veredelungsprogramm der mit Naturphänomenen assoziierten Gefühle an. Eine Matrix, die uns – auch in Zeiten der Klimaschwankungen – bis heute (romantisch) konditioniert.   Da hören wir noch, wenn Haydns Chor der Landleute sehnsuchtsvoll mit „Komm, holder Lenz . . . Schon spüren wir den linden Hauch“ den Frühling heraufbeschwört, unsere alljährliche Februardepression mit dem Trotz durch, dass sich jetzt endlich wieder mal was Grünes zeigen sollte. Neue Schaffenslust regt sich dann mit einem der schönsten deutschen Lieder: „Schon eilet froh der Ackersmann / zur Arbeit auf das Feld“. Das hat doch an schlicht zeitlosem Pfiff nichts verloren!  

Und dann die große Feier der Sonne mit dem Licht  

Und dann, im Sommer, die große Feier der Sonne mit ihrem Licht. „Dir jauchzet die Natur!“ singen Solisten und Chor in überschwänglicher Gemeinsamkeit. Eindringlich das darauf folgende Stimmungsbild flimmernder Sommerstille in der unbewegten Mittagshitze. Haydn zeichnet mit immenser musikalischer Farbenpracht noch die kleinsten Stimmungsverschiebungen mit den fortschreitenden Veränderungen der Jahreszeit nach. Und plötzlich erkennt man, wie es gerade die besonders reichen Abstufungen der Jahreszeiten in den hiesigen Breiten sind, die unsere nuancenreichen Gefühlslagen überhaupt ermöglicht haben. All das hat aber bei Haydn nichts dumpf Bodenständiges, sondern wird kunstvoll orchestriert, zur Verfügung gestellte Sprache, Ausdrucksmöglichkeit, die über ihre (naturverhafteten) Anlässe weit hinauszureichen vermag.   Wenn dann Hanne (sehr bewegend: Sopran Fanie Antonelou) das Lob des Schattens singt, wird die Natur zu einem duftig hauchenden Ort mit feinen erotischen Nebenschwingungen, über die Haydn mit galantem Witz - „des jungen Schäfers Rohr“ - andeutend dezent den Vorhang fallenlässt. In Hannes’ darauf folgender Arie feiert sich dann ein damals entstandenes, neues bürgerliches Empfindungsmodell: Das intime Gefühl wird sich hier selbst zum – koloraturenreichen – Genuss.  

Treue und Liebe gegen das Wechselhafte der Jahreszeiten  

Heiter geht es in den Herbst, die große Erntezeit, die zu einem großen Loblied des Fleißes führt. Gegen den fortlaufenden Wandel und die Vergänglichkeit in der Natur werden im Libretto des Gottfried von Swieten nun dagegen sichernde Haltungen eingeführt. Es ist die Treue in der Liebe, die plötzlich gegen das Wechselhafte der Jahreszeiten in Stellung gebracht wird. „Früchte welken hin, Tag und Jahr vergehn, nur meine Liebe nicht“, singt Lukas (mit inniger Wärme, Tobias Wall) beschwörend im Liebesduett mit seiner Hanne. Zustimmenden Zwischenbeifall gab es denn auch für die gemeinsamen Schlussverse „Lieben und geliebet werden . . . ist des Lebens Wonn und Glück.“   Zum Herbst gehören auch Tod und Rausch, denen Haydn in den volkstümlichen Jagd- und Weinszenen sowohl ihren derben Ausdruck nicht verweigert, sie aber trotz ihrer zugelassenen Wildheit gerade noch ins klassische Zivilisierungsunternehmen einbindet. Das musikalisch etwas Ausufernde dieser Partien ist – selbst wenn erfolgreich dem Zeitgeist geschuldet – doch auch ihr Realismus: Nach den Mühen der Arbeit muss die dionysische Entlastung im kollektiven Aus-Rasten – „jauchzet, lärmet, springet, tanzet“ – gewährt werden.   Klirrend kalte Flöten begleiten den düster, nebelverhangenen Winter herein. Aber mit dem auftretenden Wanderer, der sich verlaufen hat und schließlich das Licht in der Bauernhütte entdeckt, schmuggeln sich romantische, ja biedermeierliche Bilder der Verklärung – oder Utopie? – in „Die Jahreszeiten“. Da sitzen die Mägdlein gesittet fein am Spinnrad, erzählen aber, von einem schwankhaften Orchester begleitet, kecke Geschichten des weiblichen Eigensinns. Der Winter wird dem Bauern Simon (mit beweglicher Tiefe, Thomas Scharr) schließlich zum Sinnbild des nahenden Endes: „Nur Tugend bleibt“.   So wird denn der Tod im aufgewühlten Schluss von Chor, Solisten und dem beeindruckend geschmeidigen Ensemble „Musica Viva“ aus Stuttgart als Tor zu einem neuen Morgen besungen. Dem versprochenen Eingehen in Gottes Reich steht aber doch ein musikalisch starker Akzent auf der sinnlichen Diesseitigkeit entgegen.  

Hannelore Hinderer wieder einmal mitreißend souverän  

Das Publikum bedankte sich mit starkem Applaus und Jubel, der neben den virtuosen Gästen vor allem auch der Schorndorfer Kantorei und Jugendkantorei und deren an diesem Abend wieder mitreißend souveränen Leiterin Hannelore Hinderer galt.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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