„Die Stimme Jesu am Kreuz hören“

ZVW, 2013-04-01: Mit virtuoser Wucht: Das Jade-Quartett spielte am Karfreitag Haydns „Die Sieben Worte Jesu Christi am Kreuz“

Schorndorf. Das Passionskonzert am Karfreitag im voll besetzten Martin-Luther-Haus galt den letzten „Sieben Worten Jesu Christi am Kreuz“. Eine Komposition Joseph Haydns, bei der das hochvirtuose Jade-Quartett das so Schmerzliche wie Lustvolle, das Erschütternde und Hoffnungsvolle des Karfreitags- und Ostergeschehens mit bewegender Eindringlichkeit zu Gehör brachte.
 
Schon die „Introduction“ von Joseph Haydns 1787 entstandenem Streichquartett opus 51 versammelt dicht gedrängt die Motive und Stimmungen dieser überwältigenden musikalischen Meditation über Jesu letzte sieben Worte. Da ist zuerst ein gewaltiges Aufhorchen-Lassen, das geradezu dramatisch abgebrochen wird, übergeht in einfühlsam, mitleidende Passagen und dann immer wieder stark ausgehaltene Stillen pointiert: Statthalter eines beklemmenden Stockens und des Schmerzes, der sich bohrend auf den Hörer überträgt. Eine Melodie, gar eine schöne, so scheint es, will und kann hier nicht mehr zusammengefügt werden.
 
„(1) Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun. (2) Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein. (3) Frau, siehe, dein Sohn! und Siehe, deine Mutter! (4) Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen? (5) Mich dürstet. (6) Es ist vollbracht. (7) Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Das sind die sieben kanonisch überlieferten Worte, die schon vor Haydn viele Komponisten zur Vertonung reizte.
 
Pfarrerin Dorothee Eisrich, die jedem der Sätze ein paar Gedanken voranstellte, sagte: „Letzte Worte sind ein Vermächtnis“, und „es lohnt sich, die Stimme Jesu am Kreuz zu hören“. Beim Evangelisten Lukas ist das erstaunliche erste der letzten Worte Jesu überliefert: „Vater, vergib ihnen . . .“. Für Eisrich ist „der Schlüssel zu einem Leben in Frieden, die Schuld einander zu vergeben“. Aber, fragte sie, gilt das auch, „wenn es um Leben und Tod geht?“ Jesus habe das durchgehalten. „Seine Botschaft war: Vergebt einander. Er lebte, was er glaubte, bis zuletzt.“ Musikalisch gestaltete Haydn das mit einer unglaublich müden Durchlässigkeit, Offenheit fürs eigene Leid und das der anderen. Da ist ein blutpochendes rhythmisches Wiegen mitzuhören und die ungeheure Anstrengung der Milde im Angesicht des eigenen Todes. Am Ende dieses Satzes erfolgt ein erhabener musikalischer Aufschwung, der den ethischen Gattungssprung markiert, den Jesus hier stellvertretend erreicht hat!
 
„Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“, ein Schrei, so Dorothee Eisrich, „der bis ins Mark geht. Und es kommt keine Hilfe“. Sehr in ihrer Vereinzelung setzt hier Haydn die Instrumente voneinander ab. Sie intonieren ein individuelles Hinunterfallen ins Bodenlose und immer wieder dagegen sich Aufbäumendes.
 
Haydns Musik hat etwas skandalös Provozierendes
 
„Mich dürstet“, das fünfte von Jesus’ letzten Worten hat etwas bestürzend, elementar Einfaches. „Ja, genauso ist das Leben“, sagte dazu Eisrich. „Wir alle sind angewiesen aufeinander. Wir sind bedürftige Menschen. Hungrig und durstig.“ Die Musik, die nun Haydn dazu komponierte, hat etwas skandalös Provozierendes! Überraschend anmutig, geradezu übermütig werden hier die Saiten der Instrumente, fast in tänzerischem Reigen, gezupft! Nur um dann umso schneidender, verzehrender, leidenschaftlich aufbrausend gegen den Verlust und Verzicht aufzubegehren. Als ob Jesus, der noch am Abend zuvor bei Wein zum letzten Abendmahl lud, sich an diesen dionysischen Zug seines Erbes erinnert und unter Schmerzen einer bacchantische Halluzination verfällt. Das ist – von Haydn – ein starkes Stück!
 
Als ob da dann doch noch eine gelingende Melodie hörbar wäre, stattet Haydn dann das „Es ist vollbracht aus“. Da ist ein geradezu luftig schwereloses Cello zu hören, kraftvoll, aber eben nicht triumphal. – „Jesus ist nicht ausgewichen, er hat das Äußerste gekostet. Ein Ziel ist erreicht“, kommentierte das Eisrich. „Sein Tod ist wie ein Samenkorn. Dieser Geist ist nicht kaputtzukriegen, nicht aus der Welt zu schaffen.“
 
Als fast ein Jubelmotiv von dennoch sanfter Zartheit komponierte Haydn dann das letzte Wort, „Vater, in deine Hände lege ich meinen Geist.“ Und es ist dieser Geist, der da noch einmal musikalisch in seinem Gestaltenreichtum und seiner Empfindsamkeit als höchster Ausdruck einer – das Kollektiv herausfordernde – Subjektivität gefeiert wird.
 
„Presto e con tutta forza“ schließt dieses Musikstück aber mit einem wuchtigen Erdbeben. Ein bewegend bewegter Aufruhr der Elemente, der vom Jade-Quartett mit einer geradezu erschütternden Virtuosität exekutiert wurde. Da blieb es lange stumm im Saal. Um danach dann umso länger und dankbar diesen vier wunderbaren Musikern zu applaudieren

 

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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