Dialogpredigt - Pfarrerin Dorothee Eisrich am 30. Okt. 2016 zum Beginn des Reformationsjubiläums

(Predigtext: Römer 3,21-28)

Liebe Gemeinde,

es ist das Vermächtnis der Reformatoren, über solche Bibelworte nachzudenken. Über unser Menschenbild, unser Selbstbild, das Bild, das wir von uns selbst haben nachzudenken. Worauf gründen wir unser Leben? Was treibt uns? Wie gehen wir um mit Schuld?  Vor wem rechtfertigen wir uns? Womit rechtfertigen wir uns?

Was die Reformatoren dazu in der Bibel gefunden haben hat sie elektrisiert. Sich bedingungslos lieben lassen. Angenommen sein. Wertvoll sein. Keiner Norm genügen müssen. Sich von niemand Angst einjagen lassen. Einfach die Person sein, die ich bin, jeder von uns mit einem Bewusstsein für seine Schwächen, auch für seine Fehler. Frei und fähig, das eigene Leben in die Hand zu nehmen. Einzubringen, was nur ich, was nur Sie einbringen können. Das Leben gestalten. Wie schön, dass wir heute nach 500 Jahren uns gemeinsam auf diese Grundgedanken besinnen. Bei allen Unterschieden, die es nach wie vor zwischen unseren Konfessionen gibt, die zum Teil ja auch schmerzlich sind, zurückzukehren zu diesen Quellen, die uns verbinden. Über diese Basisworte nicht zu streiten, sondern einander zuzuhören und zu ergänzen. Was bedeutet das nun für uns heute, für unsere Zeit, für unser Leben?

Wie stolz sind wir oft, Deutsche zu sein. Aber können wir wirklich stolz sein auf diese Leistungsgesellschaft, wenn immer mehr Menschen an den Rändern von ihr herausfallen und immer mehr aus der Mitte  unserer Gesellschaft heraus geradezu daran zerbrechen? Wenn die Kraft und Kreativität von Männern und Frauen sich einfügen und unterordnen muss in optimierte Produktionsprozesse – und wir bei allem Anpassen und Funktionierenmüssen zum Schluss selbst vergessen, wer wir eigentlich sind? Wenn immer mehr Menschen – aus welchen Gründen auch immer - ausbrennen oder depressiv werden oder ohne Alkohol gar nicht mehr klarkommen? Wenn sogar der Glaube nur noch dazu da ist, eine Art Droge zu sein, eine Hilfe beim Einlullen und Wegträumen in eine heile Welt? Wo finden wir heute diese frische freche selbstbewusste Sprache, in der wir es einander weitersagen: Hab ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott, was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?

Wir stecken so fest in verworrenen Strukturen und Sachzwängen. Wir leben in einer europäischen Wertegemeinschaft, deren Stimme und Handlungsfähigkeit so gebraucht wäre. Wir flüchten so schnell ins Beliebige, weil Verantwortung so anstrengend ist. Wie gut tut es da, aus diesen Bibelworten die Klarheit Gottes herauszuhören: Freispruch! Bleib nicht stehen. Das Leben ist ein Geschenk. Oder in der Sprache eines Gospels: Weil ich geliebt werde, kann ich meinen Kopf heben.
Hören wir Chocolate mit diesem Lied. Loved.

Teil 2
Wo steht heute Erneuerung an? Vielen Dank für Ihre Impulse, Ihre Gedanken und Wünsche, Herr Unsin. Wir sind ja heute hier, um Kirche weiterzudenken. Um dem Raum zu geben, welcher Glaube in unserem Alltag weiterwachsen soll. Wo heute ein Umdenken, Umkehr ansteht. Eine Änderung der Gewohnheiten. Welche Wege wir weitergehen wollen und welche nicht.

Wir leben mittlerweile nicht mehr in Zeiten, wo man Angst hatte vor einem gnädigen oder ungnädigen Gott. Wir leben in einer säkularen Zeit, in der viele Menschen auch ohne Gott eigentlich ganz gut klarkommen. Nachdenkliche Menschen fragen sich: wozu braucht man eigentlich noch diese knarrende Tradition christlicher Dogmen und Rituale, Hierarchien und frommer Bräuche?  Und wenn wir uns umschauen innerhalb der Kirchen stellen wir manchmal erschrocken fest: das Leben ist irgendwie ausgezogen. Wo steht heute Erneuerung an?

Ich glaube, dass wir heute innerhalb und außerhalb der Kirchenmauern Menschen brauchen, die den Raum für Gott offenhalten. Ich möchte es mit einem Beispiel sagen. Diese Stadtkirche hier steht mitten in der Stadt. Als sie vor vier Jahren renoviert werden musste, haben praktisch alle Bürger, alle gesellschaftliche Gruppen bei der Finanzierung mitgeholfen. Nicht weil sie sonntags hier immer in die Kirche gehen. Auch nicht, weil sie evangelisch sind. Sondern weil sie spüren: wir brauchen solche Orte. Mitten in dem, wie wir denken und leben, auch mitten in unserer Selbstgewissheit. Glauben heute – das wäre vielleicht das Minimum, aber auch das Wichtigste – heißt,  den Raum für Gott offenlassen. Mitten in all dem, was uns beschäftigt und umtreibt, immer wieder den Himmel offen sehen. In unserer Kraftlosigkeit, in unserer Überspanntheit. Mitten in all dem Erklärbaren und Sagbaren staunen über das Unsagbare, über das Geheimnis. Mitten in all dem, was uns auseinandertreibt, das wahrnehmen, was uns verbindet. Die Stimme Gottes hören, bei all den Aufgaben, die anstehen: Adam, Mensch, wo bist du? Und wo ist dein Bruder, deine Schwester? Weißt du nicht: mein Name ist: ich bin da.  

Und ein Zweites: Als die Moderatorin des Weltkirchenrats, Dr. Agnes Abuom im Sommer zu Gast in unserer Landeskirche war, sagte diese kleine zierliche Frau mit der Überzeugung und Gewissheit, die ihrer Erfahrung mit Kirchen auf der ganzen Welt verlieh: eine neue Reformation steht an. Nicht nur bezüglich unserer religiösen Strukturen und unseres Glaubens. Heute geht es um die Reformation unseres Lebensstils. Unserer Werte, wie wir leben wollen. Wir brauchen eine Reformation unserer Beziehungen. Der Beziehungen zu all den Menschen, mit denen wir diese Erde teilen, zu allen Lebewesen, zu der ganzen Schöpfung, in der wir leben. Eine Veränderung an Herz und Verstand: Ich bin, weil du bist. Wir leben, weil wir verbunden sind. Weil wir zusammengehören.
Wir können als Kirche keine politischen Programme dafür einbringen. Keine konkreten Lösungen vorschlagen. Aber wir können moralische , ethische und spirituelle Impulse einbringen auf diesem langen Weg zum Frieden.  Rund zwei Milliarden Christen sind wir weltweit. Was für eine enorme Kraft. So sind wir aufgerufen,  Christen in allen Kirchen und Nationen, gemeinsam diesen ökumenischen Pilgerweg zu gehen. Das heutige wandernde Gottesvolk zu sein. Nicht einander argwöhnend anschauend und sich in alten Lehrstreitigkeiten zu verbeißen, sondern gemeinsam vorwärts, Hand in Hand.  In einem Lied heißt es: Wir sind noch nicht im Festsaal angelangt. Aber wir sind eingeladen. Wir sehen schon die Lichter und hören die Musik. Gehen wir also langsam, aber stetig und beharrlich dem Ziel entgegen, wo alle Platz zum Leben haben, wo niemand verloren ist.  Möge Gottes Geist uns dabei leiten.

Amen.

 

© Dorothee Eisrich, Schorndorf

 

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