Plädoyer für mehr Muße - Dorothee Eisrich

Manuskript Pfarrerin Dorothee Eisrich für „Stadtkirche am Abend“, Schorndorf, 13.11.2011 Plädoyer für mehr Muße

Leben am Limit unserer Kraft. Wir haben von den Ursachen gehört, die psychologische Seite beleuchtet. Und welche Spur gibt uns unser christlicher Glaube dabei?

Ich lese aus den 10 biblischen Grundregeln, die beschreiben, wie das Leben gelingen kann:

Denke an den Sabbat, er sei dir heilig. Sechs Tage sollst du arbeiten und alles tun, was du zu erledigen hast. Aber der siebte Tag ist ein Ruhetag, dem Herrn, deinem Gott geweiht. Da sollst du keine Arbeit tun, weder du noch dein Sohn oder deine Tochter, nicht dein Sklave oder Sklavin, dein Vieh nicht und auch nicht der Ausländer und der Fremde in deiner Stadt. Denn in sechs Tagen hat Gott Himmel und Erde gemacht und das Meer und alles, was in ihnen ist, und er ruhte am siebten Tag. Darum segnete Gott den Sabbattag und heiligte ihn.

Früher gab es dafür klare Rituale. Man hat alles schön gemacht für den Sonntag. Das Haus geputzt, Kuchen gebacken, die Kinder gebadet, und es gab frische Wäsche. Man wollte den Staub des Alltags loswerden und sich am Sonntag anders kleiden als im Alltag, anders kochen, schöner als sonst den Tisch decken, wie zu einem Fest. Längst sind diese Zeiten vorbei. Aber vielleicht haben die Menschen früher damit mehr von dem Sabbatgebot verstanden als wir heute, die über solche Bräuche gerne lächeln. Immer mehr von uns haben die Sonntagskleider ausgetauscht mit dem Jogginganzug. Wir genießen es, ausschlafen zu können. Wir brauchen den Sonntag, um uns zu regenerieren, die verlorene Kraft wiederzugewinnen, um am Montag wieder fit zu sein. Es sind ganz elementare notwendige Bedürfnisse. Aber erschreckend wäre, wenn wir in unserem Leben nichts anderes mehr kennen als arbeiten – und sich erholen, um wieder arbeiten zu können. Wenn wir aus dieser Welt aus Arbeit, Leistung und Erholung gar nicht mehr herauskommen. Wenn es darüber hinaus nichts mehr gibt. Heilige den Sabbat, das meint: Du brauchst eine Zeit, in der du heraustrittst aus dem Funktionierenkönnen und Funktionierenmüssen. Einen Tag der Freiheit und der Freude. Einen Tag des aufrechten Gangs und der Würde. Einen Tag der neuen Welt, wo wir eine Ahnung davon bekommen, wie es sich lebt, wenn oben und unten anders verteilt ist. Einen Tag des Bundes zwischen Gott und uns. Wo wir aufatmen und feiern mit allen, die das Leben suchen. Wo wir teilen und verbunden sind mit allem Lebendigen. Wo wir uns ausstrecken nach allem, was noch aussteht, nicht nur nach dem Zugebilligten. Eine Zeit, in der ich niemand gehöre außer Gott. Eine Zeit, die wie ein Freiraum der Liebe ist, wo alles in mir wachsen und sich entfalten darf, jenseits von allen Pflichten und Zwängen, die sechs Tage lang unser Leben bestimmen.

Heilige diese Zeit! Das heißt: hab acht auf sie wie auf ein kostbares Gut! Beschütze sie! Wir brauchen sie, um lebendig zu bleiben, um nicht zu erstarren, um nicht stumpf und mürbe zu werden in dem täglichen Trott. Zeiten der Kunst und der Musik, der Stille und der Gemeinschaft, Zeiten für das Gotteslob, das uns eine Tür öffnet für eine ganz andere Dimension.

Alleine werden wir uns gegen den Druck einer Leistungsgesellschaft wohl nicht stemmen können. Und so ist der Glaube – im biblischen Sinn - im Grunde ein Gesellschaftsentwurf. Der Sabbat soll für alle gesetzt sein. Nicht nur für dich, sondern auch für deine Familie, deine Angestellten. Ja sogar für das Vieh und für alle Fremden, aus welcher Religion sie auch kommen.

Für uns alle ist unsere Lebenszeit ein Geschenk. Sie gehört nicht dem Profit und nicht der Produktion. Alles Leben – so die biblische Sprache – ist ein Geschenk von Gott. Und wir alle tun gut daran, dieses Geschenk nicht zu verschleudern oder zu verkaufen, sondern achtsam aus Gottes Hand in unsere Hände zu nehmen.

Viel zu oft verdrängen wir, wie endlich unser Leben ist. Wie kostbar unsere Zeit. Wie wir sie vergeuden mit Dingen, die nicht nur nicht das Geld nicht wert sind, sondern auch nicht meine Zeit. Sabbat feiern, das heißt auch, Leben empfangen, als eine, deren Leben einmal vergeht. Es ist erstaunlich, dass die ersten christlichen Gemeinden den Mut und die Kraft aufbrachten, den Sabbat gegen alle gesellschaftliche Konvention komplett um einen Tag auf den Sonntag zu verlegen. Sie wollten eine weitere Erfahrung mit diesem Tag verbinden. Es ist das Fest der Auferstehung, das Fest der unzerstörbaren Hoffnung. Auferstehung, so haben sie begriffen, ist eine Kraft, die aus dem Tod zum Leben führt. Eine Kraft, an der wir teilhaben können, die uns aufstehen lässt, mitten im Leben. Sie wollten sich nicht vertrösten lassen auf ein „Später“, nach dem Tod, wenn die Kinder groß sind, wenn die Pension gesichert ist, wenn ich einmal mehr Zeit habe… sondern aufstehen jetzt. Mitten in meinem Alltag, wie er eben ist. Mitten in all dem , was mich lähmt, was so zerbrechlich ist, was uns Angst einjagt, das Heilende finden. Manchmal feiern wir mitten am Tag ein Fest der Auferstehung, heißt es in einem Lied. Stunden werden eingeschmolzen und ein Glück ist da.

Heilige den Sabbat. Paulus sagt: siehe, jetzt ist die Zeit der Gnade, jetzt ist der Tag des Heils. Nicht irgendwann, sondern jetzt kann etwas heil werden in mir. Bin ich angesprochen von Gottes Gegenwart und Nähe. Kann sich etwas ereignen. Es braucht dazu ein Umdenken, ein viel präsenteres Leben. Es braucht dazu die Fähigkeit, manchmal auch nein zu sagen. Es braucht eine ständige Übung, um in all dem Lauten um uns herum diese Stimme der Verheißung zu hören. Es braucht auch die Gemeinschaft mit anderen, dass dieses Geheimnis lebendig bleibt und wächst.

Heilige den Sabbat. Wir tun es heute miteinander. Und wir spüren: gemeinsam mit anderen gelingt manches besser als allein. So möge Gott auch unseren Sabbat segnen.

© Dorothee Eisrich

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