Was wir sein können, können wir nur miteinader sein - Gisela Mayer

Manuskript Gisela Mayer für „Stadtkirche am Abend“, Schorndorf, 20.05.2012 zum Thema: Was wir sein können, können wir nur miteinander sein

Wenn wir uns die Frage nach dem menschlichen Miteinander stellen, so ist das eine alte Frage, eine Frage, die die Menschen seit Jahrtausenden bewegt.

Fangen wir also bei den Anfängen an:

Aristoteles meinte vor etwa zweitausendvierhundert Jahren „ der Mensch ist von Natur aus ein gemeinschaftsbildendes Wesen, er kommt erst in seinem Gegenüber ganz zu sich selbst“ (Aristoteles, Politika).

Das ist eine weitreichende Aussage. Sie besagt, dass der Mensch nicht etwa ein soziales Wesen ist, weil es sich in der Gruppe einfach erfolgreicher jagen und damit besser leben lässt, also weil soziales Verhalten letzten Endes individuellem Überleben dient, sondern weil der Mensch erst im Kontakt zu seinen Mitmenschen zu dem wird, was er seinen Möglichkeiten nach sein kann.

Wir können unsere Fähigkeiten, unser Menschsein, erst im Umgang mit anderen ganz zur Entfaltung bringen. Das ist wie mit der menschlichen Sprache. Wir sind alle sprachbegabte Wesen – sprechen aber lernen wir nur, wenn wir ein sprechendes Gegenüber haben: Menschen.

Heute, also zweitausendvierhundert Jahre später, bestätigt die Neurobiologie diese Einsicht.

Die Frage nach dem, was den Menschen antreibt, wird nicht mehr mit dem Verweis auf einen „evolutionären Überlebenskampf“ oder ein „egoistisches Gen“ beantwortet, sondern „ „bereits die bloße Erwartung, freundlich zugewandten anderen Menschen zu begegnen erweist sich als eine biologisch verankerte Grundmotivation“ (Prof.J.Bauer, April 2011).

Allerdings ist es zu früh nun ein neues Zeitalter des „Gutmenschentums“ auszurufen. Der Mensch ist keineswegs ab sofort ein „gutes Wesen“, gleichwohl besitzt er einen sensiblen neurobiologischen Apparat, der massiv Einfluss auf seine alltäglichen Entscheidungen ausübt. Wird das auf Kooperation und Fairness ausgerichtete Motivationssystem allerdings frustriert, wird soziale Akzeptanz, Zuwendung oder auch Gerechtigkeit verweigert, bleibt nicht nur die Aktivierung des Motivationssystems aus – obwohl allein das bereits schwerwiegende Folgen hat.

Wer einen Menschen unfair behandelt, ausgrenzt oder demütigt, tangiert damit die neurobiologische „Schmerzgrenze“ und muss mit Aggressionen und letztlich Gewalt rechnen. Psychische Gewalt – Demütigung, Ausgrenzung, Mobbing – wird dabei vom menschlichen Gehirn in keiner Weise von physischem Schmerz unterschieden. Die Rede von der bösen Bemerkung, der Beleidigung, die ein „Schlag ins Gesicht“ des Betroffenen ist, erhält so eine ganz neue Bedeutung.

Aus der Sicht des menschlichen Gehirns ist soziale Akzeptanz ebenso überlebenswichtig wie körperliche Unversehrtheit.“

Soziale Akzeptanz, Leben in Gemeinschaften, Bindungen sind Einflussfaktoren von enormer Bedeutung.

Noch mehr als für Erwachsene gilt dies für Kinder und die Beziehungen zu ihren Eltern und Angehörigen.

Bindungen, die aus der Verbundenheit mit anderen Menschen entstehen, kommt also eine überragende Bedeutung für das Aggressionsverhalten zu.

Obwohl das Motivationssystem mit dem starken Wunsch nach guten Beziehungen und sozialer Akzeptanz ausgestattet ist, ist die Fähigkeit erwachsener Personen, emotional befriedigende zwischenmenschliche Beziehungen einzugehen, sehr unterschiedlich ausgeprägt.

Wer aufgrund früherer, zumeist in der Kindheit erlittener Verletzungen, keine Bindung zu anderen Menschen aufbauen kann, hat in schwierigen Alltagssituationen auch schneller das Gefühl abgelehnt und ausgegrenzt zu werden.

Wo aber erfahren wir Verbundenheit, lernen, was es bedeutet anderen Menschen zu begegnen, Bindungen zu entwickeln?

Bei allen individuellen Unterschieden gilt: Kinder erlernen gewisse Verhaltensweisen in ihren Familien, indem sie ihre Eltern, Geschwister oder andere Bezugspersonen nachahmen.

Das ist der Kern dessen, was Aristoteles meint, wenn er sagt, der Mensch sei „wesentlich auf den anderen Menschen hin geordnet und bedürfe seiner, um ganz Mensch zu werden“.

Von der ersten Minute unseres Lebens an sind wir darauf angewiesen, dass uns ein menschliches Wesen gegenübertritt und uns zeigt, was es heißt, Mensch zu sein.

Wir vergessen häufig, dass uns Empathie nur als Fähigkeit angeboren ist. Wir müssen sie erlernen indem wir üben, ähnlich wie die Sprache. Die wichtigsten Lehrmeister sind dabei im Allgemeinen die Eltern, sie stehen sozusagen Modell. Und zwar weniger mit dem, was sie sagen, als mit dem, was sie tun.

Empathie, das Vermögen mitzufühlen, zu erkennen, was den anderen Menschen, unser Gegenüber bewegt, zu spüren, wann seine Grenzen überschritten werden, wann er Hilfe braucht oder Schutz vor Verletzungen – will erlernt sein und es ist ( wie Arno Grün sagt) „ die Schranke zum Unmenschlichen“.

Menschsein ist also kein Zustand, sondern eine ständige Aufgabe

Nun könnte man sagen – dann ist ja alles zum Besten bestellt.

Wir sind alle auf Kooperation ausgerichtet, brauchen den Kontakt, die Bindung, die Beziehung – und wir haben heute so viele Beziehungen wie niemals zuvor.

Wir kommunizieren nahezu ununterbrochen – via Handy, E-mail, Facebook. Wir sind rund um den Globus vernetzt.

Sogar wenn wir mit anderen zusammen sind, sind wir häufig mit anderen verbunden – so etwa, wenn wir gemeinsam am Tisch sitzen und dabei ein jeder mit seinem Handy beschäftigt ist, oder wenn Eltern am Rand des Spielplatzes sitzen und telefonieren.

Wir sind beieinander – und doch ein jeder an einem anderen Ort, zusammen in der einen Welt und doch jeder in einer anderen? Was sagt das über unsere Beziehungen?

Beziehungen sind vielschichtig und oft fordernd. Wir versuchen sie zu kontrollieren, zu vereinfachen, zu säubern.

Wir zeigen einander nicht unser ganzes Gesicht, lediglich den Teil, den wir für gut befinden. Wir können und wollen uns hinter einer Maske verstecken , zeigen uns nur so, wie wir gerne wären – und sehen auch vom anderen nur das von ihm gewählte Bild seiner selbst, nie ihn selbst.

Der Markt digitaler Kommunikationstechnik lehrt uns allerdings auch ein anderes – wenn wir einander auf Distanz halten, können wir offensichtlich voneinander nicht genug bekommen.

Und das ist , bei aller Kritik an der Überflutung mit digitaler Kommunikationstechnik, die eigentliche Botschaft.

Wir brauchen einander, wir ertragen es nicht, nicht gesehen zu werden, ausgegrenzt zu sein, nicht dazu zu gehören.

Wir wollen, dass uns jemand zuhört, dass jemand Interesse an uns hat – deshalb prüfen wir ständig, ob wir auch Freunde haben.

Was aber brauchen wir eigentlich?

Das ist im Grunde ganz einfach: ZEIT – ZUWENDUNG – VERANTWORTUNG

ZEIT - es gibt kaum ein Gut, das rarer wäre, kaum jemanden, der nicht über Zeitmangel klagt.

Es geht aber auch gar nicht darum, möglichst viele Stunden miteinander zu verbringen. Es geht vielmehr darum, die Zeit, die wir füreinander haben auch wirklich miteinander zu verbringen.

Deshalb gehören Zeit und

ZUWENDUNG zusammen. Wenn wir zusammen sind, wenden wir uns doch einander zu – und versetzen uns nicht an einen anderen Ort, indem wir telefonieren oder mal eben die E-Mails checken.

Wenn wir einander so ansehen, ganz ohne bestimmte Absicht, ohne bestimmte Fragen, ohne den Wunsch nach Selbstdarstellung – kann eine Zeitstunde mehr bedeuten als stundenlange“ SMS -Gespräche“.

Dann beginnt das echte Gespräch – nicht das, was uns in den Medien in „Talk-Shows“ als Gespräch vorgegaukelt wird – der Schlagabtausch diverser Statements von Selbstdarstellern.

Und dann wird auch das mit der

VERANTWORTUNG ganz einfach. Denn wir haben Verantwortung – allerdings nicht für die ganze Welt, nicht für dieses und jenes – wohl aber für unser eigenes Tun und das Hier und Jetzt. Für unser Gegenüber, dafür, dass wir dann, wenn wir bei ihm sind auch ganz bei ihm sind – und nicht anderswo.

Schauen wir also hoch – schauen wir einander ins Gesicht, beginnen wir wieder mit dem echten Gespräch.

Dieses Gespräch brauchen wir so nötig wie die Luft zum Atmen –

denn wir brauchen einander – wie vor zweitausendfünfhundert Jahren,

„ erst in unserem Gegenüber kommen wir ganz zu uns selbst“, werden wir, was wir sein können.

 

© Gisela Mayer

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