Eine neue Sprache für Gott finden

Stadtkirche am Abend

Pfarrerin Dorothee Eisrich am 11. Oktober 2020 in der Ev. Stadtkirche in Schorndorf
Musik: Uli Lutz, Piano und Justinus Feilhauer, Bass

Hier finden Sie die Videos aller verlinkten Lied-Titel


Ablauf

Musik
Begrüßung
Musik: Da wohnt ein Sehnen tief in uns
Einstimmung: Die Sprache von Gott leuchtet nicht mehr
Musik: Wir strecken uns nach dir
Impuls: Offen sein für die Gegenwart Gottes
Musik: Wo Menschen sich vergessen
Impuls: Religiöses Sprechen angesichts der Krisen der Zeit
Gott ist gegenwärtig
Impuls: In Bildern von Gott sprechen
Musik: Es kommt die Zeit
Gebet – Vaterunser
Musik: Großer Gott, wir loben dich
Ansagen
Segen
Musik: Verleih uns

Eingangs-Musik

Das Sprechen von Gott ist ein weites Feld. In der Theologie gibt es dafür eigene riesige
Fachgebiete. Aber das Reden von Gott ist ja kein Expertenthema, sondern etwas, das alle
betrifft. Wir wollen Impulse dazu geben. In der Sprache der Poesie, in der Sprache der Musik mit
Improvisationen zu alten und neuen Kirchenliedern, in der Sprache der Kunst.

Vielleicht können wir uns dem annähern, wovon der große Theologe Dietrich Bonhoeffer im
Gefängnis im Jahr 1945 geträumt hat:

„Der Tag wird kommen, das Wort Gottes wieder so auszusprechen, dass sich die Welt darunter verändert und erneuert.
Es wird eine neue Sprache sein, vielleicht ganz unreligiös, aber
befreiend und erlösend, wie die Sprache Jesu, die Sprache einer neuen Gerechtigkeit und
Wahrheit. Die Sprache, die den Frieden Gottes mit den Menschen und das Nahen seines Reiches verkündet.”

Musik: Da wohnt ein Sehnen tief in uns

Einstimmung: Die Sprache von Gott leuchtet nicht mehr

Das kirchliche Reden von Gott – für viele Menschen ist sie merkwürdig formelhaft und tot
geworden. Wir sprechen ihn aus, den Namen Gottes, beginnen so jeden Gottesdienst, taufen
Kinder im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. Alles ist korrekt
und richtig, aber es leuchtet nicht mehr. Es geht den meisten bei diesen Worten nicht mehr das
Herz auf, von welcher befreienden Kraft wir sprechen. Ganz im Gegenteil: Viele hat die
autoritäre dogmatische hierarchische Sprache, das ständige Reden von Sünde und Erlösung
geradezu aus der Kirche getrieben. Wie groß ist die Gefahr, dass aus Religion Ideologie wird
statt Begegnung mit der göttlichen Gegenwart. Aus der Kirche eine Institution, die meint, Gott
zu besitzen und den Glauben verwalten zu müssen statt der immer neuen Gottsuche und
Gotteserkenntnis Raum zu geben. „Gott ist doch kein Christ“ heißt einer der bemerkenswerten
Sätze des anglikanischen Bischofs Desmond Tutu.


In unserer Vorbereitungsrunde hat jemand gesagt: „Ich bin gläubig geworden, als ich diese
ganze Kirchensprache hinter mir lassen konnte. Aber darf ich das, meine eigene Sprache finden,
meiner eigenen Erfahrung trauen?“ Immer mehr denken: es ist überhaupt an der Zeit, dieses
dualistische Denken hinter sich zu lassen, das das Leben aufteilt in oben und unten, in Himmel
und Erde, Zeit und Ewigkeit, und zu erkennen: alles Leben ist heilig. Es gibt kein unheiliges
Leben, es gibt nur unheiliges Tun. Viele machen sich heute auf, eine neue Sprache für Gott zu
finden. Vielleicht ist „Gott“ überhaupt nicht das richtige Wort für das Unbenennbare, für das
große Geheimnis unseres Lebens, für das Geheimnis allen Lebens, für das, was unser Leben
übersteigt, für Wind und Weite und für ein Zuhaus.


Musik: Wir strecken uns nach dir

Impuls: Offen sein für die Gegenwart Gottes


Manchmal bemerke ich, dass ich Gott mitten auf der Straße begegne. Ich laufe los, habe Pläne
im Kopf, will etwas einkaufen. Ich stutze, als ich in meinem Eilschritt eine Blume bemerke, die am
Gartenzaun steht und halte kurz inne. Was für eine stille Botschaft aus einer ganz anderen Welt!
Und plötzlich, eine Ecke weiter, wird mir bewusst, wie lächerlich meine Geschäftigkeit ist. Wie
blind mich meine Eile macht. Leben ist doch mehr als alles abhaken in meinem
Tagesprogramm. Es ist, als ob sich innerlich wieder ein Schalter umlegt und mich eine andere
Haltung erfüllt. Ich entspanne mich und werde wieder offen, präsent, bereit für das, was gerade
geschieht.


Vielleicht sagen Sie nicht „Gott“ dazu. Vielleicht sagen Sie dazu: etwas aus einer anderen
Perspektive betrachten. Einen Einfall haben. Für mich ist die religiöse Sprache die
Einleuchtendste.


„Unterbrechen“ ist die kürzeste Definition von Religion, sagt der Theologe Johann Baptist Metz.
Was passiert in solchen Momenten, wenn es gelingt, den Trott zu unterbrechen, der mich
gefangen hält? Die Zeit zu vergessen, die mich taktet und fremdbestimmt? Wenn es gelingt,
dass ich sogar mitten in dem innehalte, was mir Angst macht – und mich ergreifen lasse von der
Luft, die alles füllet, von dem Geist, der weht, wo er will? Es ist wie ein herausgerissen werden
aus dem ständigen Kreisen um sich selbst. Diesem ständigen „Jetzt muss ich noch… jetzt will ich
noch… jetzt brauch ich noch…, all diese Ichsätze, die uns so armselig machen.

Winfried Kretschmann, Ministerpräsident und Christ, sagte in seinem diesjährigen
Sommerinterview: „Wenn wir heute den Kern des christlichen Glaubens freilegen wollen,
müssen wir heute von Gott anders reden als einer, der alles herrlich regieret und lenkt. Die
Kirchen haben die Aufgabe noch vor sich, das Beben der Aufklärung und die Erkenntnisse der
Wissenschaften aufzuarbeiten. Nicht nur die katholische, auch die evangelische Kirche, die
immer meint, sie sei schon reformiert und oft ganz vergisst, dass das schon 500 Jahre her ist.“

Welches Gottesbild haben Sie eigentlich? Wurde Dorothee Sölle bestimmt über hundertmal
gefragt. Und sie schreibt: „Keins, brumme ich dann. Ich soll doch nicht! Mal dieses, mal jenes.
Vater oder Mutter oder Morgenglanz der Ewigkeit oder d-moll-Klavierkonzert. Kommt drauf an,
wo ich Gott treffe.“

Wo begegnet mir Gott? Wo ereignet sich das Wunder einer anderen Wirklichkeit mitten unter
uns? Wo berühren sich Himmel und Erde?

Musik: Wo Menschen sich vergessen


Impuls: Religiöses Sprechen angesichts der Krisen der Zeit

Es gibt eine Gemeinschaft des Geistes.
Schließ dich der an und fühle das Entzücken,
mitten im pulsierenden Leben zu gehen
und selbst Teil des Lebens zu sein.
Es gibt eine Präsenz,
Es gibt eine Herrlichkeit,
Augen für das Ewige,
die Tote wieder ins Leben atmet
mitten in unserer Zeit.
Und Fremde zu Freunden macht.
Öffne dich dem.
(Rumi)


Warum sind die Kirchen heute so schweigsam, so merkwürdig sprachlos? Gerade erleben wir,
wie eine Pandemie die ganze Welt auf den Kopf stellt. Wie Angst in all seinen Formen das
heutige Leben beherrscht. Es ist nicht nur das Virus, das unser Leben bedroht. Es deckt auch
schonungslos auf, was schon vorher alles nicht in Ordnung war. Wie ungleich wir leben auf
dieser Welt. Man mag es sich gar nicht vorstellen, welche Katastrophe auf die Menschen
zukommt, die in den armen Ländern des Südens leben, zusätzlich zu Dürre, Hunger, Korruption,
Gewalt – gar nicht so sehr durch das Virus selbst, sondern durch die für sie verheerenden
Folgen, wenn lebensnotwendige Lieferketten unterbrochen sind und all die kleinen Geschäfte,
von denen 80 % leben, nicht mehr möglich sind.


Und bei uns: der Herbst hat gerade erst begonnen. Wie werden wir durch diesen Herbst, durch
diesen Winter kommen? Wie werden die, die sowieso schon einsam sind, noch mehr Einsamkeit
verkraften? Schaffen wir es noch, was eigentlich doch so dringend ansteht: unseren Lebensstil
zu ändern, damit der Klimawandel nicht noch mehr Leid verursacht?

Und was ist mit den 60 Millionen Menschen, die weltweit auf der Flucht sind? Am Dienstag hat
hier in der Kirche ein Seenotretter eine Zahl genannt. 100 000 Menschen sind mittlerweile auf
ihrer Flucht im Mittelmeer ertrunken. Rettungsschiffe werden am Ausfahren gehindert.
Seenotrettung, eigentlich ein urmenschlicher Instinkt, verboten.

All das ist wie eine lähmende Decke der Hilflosigkeit und der gebildeten Depressivität, die über
uns liegt. Gott – dieser Name steht in der Bibel für Gerechtigkeit. Für Befreiung. Für Liebe. Für
Barmherzigkeit. Es sind wie Gegenbilder. Da ist jemand, der die Schreie der Menschen hört. Der
die Tränen in einem Krug sammelt. Der die Namen der Vergessenen in seine Hand schreibt. Der
unablässig ruft: Brich auf! Geh in das Land, das ich dir zeigen werde! Geh los! Fang zu teilen an!
Ich bin mit dir. Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein.

Wie nötig ist es heute, von diesem Gott zu sprechen, von diesem Licht vom Licht. Von der Kraft
der Liebe. Von einem Glauben, und wäre er so klein wie ein Senfkorn, er würde Berge versetzen.
Christen auf der ganzen Welt glauben: dieser Gott ist mitten unter uns gegenwärtig.

Musik: Gott ist gegenwärtig

Impuls: In Bildern von Gott sprechen

Zu Musik und Poesie kommt nun noch eine weitere Sprachform dazu: die Kunst. Wie malen die
ganz großen Maler die unsichtbare Gegenwart Gottes? Wie malen sie den Glauben mitten im
Leben? Immanenz und die Dimension der Transzendenz?

Von dem exzentrischen Surrealisten Salvador Dali hätten viele gar keine biblischen Bilder
vermutet. Aber wie gut, wenn man sich irren kann, und wie erstaunlich, was man von ihm zu
sehen bekommt. Vier Bilder unserer aktuellen Ausstellung habe ich ausgewählt.

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Menschen sitzen an einem Tisch. Es sind die Emmausjünger. Wer die Geschichte kennt, weiß:
ratlos und im Grund verzweifelt sind sie nach der Ermordung Jesu. Bleibt nach dem
hoffnungsvollen Aufbruch nun keine andere Wahl, als jetzt wieder in das alte Leben
zurückzukehren? Auf ihrem Heimweg sind sie einem Fremden begegnet. Sie kamen ins
Gespräch. Er hatte wohl die Gabe, ihnen Wesentliches zu erschließen. Zuhause angekommen
laden sie ihn zum Bleiben ein. Sie essen miteinander. Was dann geschieht, hält Dali in dem Bild
fest: urplötzliches Erkennen und Verschwinden.

Auferstehungsglaube. Übereinstimmend lesen wir in der Bibel an vielen Stellen: Als ein
Unbekannter und Namenloser kommt er zu uns. Als Gärtner, als Weggefährte, als Fischer.
Menschen, die im richtigen Moment da sind. Uns stärken. Und uns an unseren Auftrag erinnern.
Nicht in besonderen religiösen Augenblicken, sondern mitten in unserem ganz gewöhnlichen
Leben.

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Es bleibt ein Leben im Angesicht von einem Dunkel, das einen zu erdrücken droht. Übermächtig
ist es da. Ständig kommen neue Gefahren dazu. Unser Leben ist bedroht. Taufe nennt Salvador
Dali dieses Bild. Es ist das, was diesen beiden Menschen rechts unten den aufrechten Gang
ermöglicht. Die Würde und den Segen Gottes – ich trage ihn in mir. Sie machen mich stark. Und frei.

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Er malt die Botschaft der großen Propheten der Bibel, die in dunkelster Zeit Worte gefunden
haben, deren Kraft bis heute anhält. Ganz in gelb verkündet ein Engel, was Gott ihm aufträgt:
Tröstet, tröstet mein Volk! Mein Wort wird nicht leer zu mir zurückkehren. Es wird bewirken,
was ich versprochen habe. Siehe, schon sprosst Neues, bemerkt ihr es nicht?
Immer leuchtender wird das Gelb.

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Hier sehen wir rechts unten Tobias. Müde und erschöpft sitzt er da. Alles ist so anders
gekommen, als er sich gedacht hat. Links unten Sarah, missbraucht von Männern, von
Schicksalsschlägen heimgesucht. Beide sehen keinen Ausweg. Wir würden uns, wenn es uns so
geht, vermutlich in die Mitte des Bildes malen. Aber in die Mitte malt Dali diese Bewegung vom
Himmel auf die Erde. Ein Engel, der Mensch wird. Können Tobias und Sara, können wir den
Engel sehen, die guten Mächte, die uns begleiten?

Es kommt die Zeit, in der die Träume sich erfüllen, wenn Friede und Freude und Gerechtigkeit
die Kreatur erlös. Dann gehen Gott und die Menschen Hand in Hand.

Musik: Es kommt die Zeit

Gebet – Vaterunser

Wir dürfen leben, mitten in dieser schönen und zerbrechlichen Welt.
Nicht allein, sondern verbunden mit allem Lebendigen, verbunden auch mit der Quelle dieses
Lebens, mit dir, du große Kraft. Hilf uns, dass wir überall in unserem Miteinander deine Gegenwart erkenne, deine Stimme
hören. Hilf uns, dass unser Leben heilig sei. Lass Wirklichkeit werden, was du uns versprichst.
Schenke uns, was wir heute zum Leben brauchen. Schenke Vergebung, wo wir uns geirrt und etwas falsch gemacht haben. Löse die Verstrickung
der Fehler, die uns binden. Und wenn andere an uns schuldig geworden sind, hilf uns, die Bitterkeit loszulassen.
Was uns so leicht in die irre führt und uns vom Wesentlichen ablenkt, all die Bequemlichkeit, die
oberflächlichen Dinge, unsere Selbstgerechtigkeit: befreie uns von allem, was uns zurückhält
vom Leben. Aus dir kommt die Fülle, die sich verschenkt, die Kraft zum Lieben. Du schenkst Neuanfänge,
jeden Tag. Darum will ich dir singen und dir danken und meine Worte in Musik verwandeln,
ewiger liebender Gott. Amen.

Musik: Großer Gott, wir loben dich

Copyright: Dorothee Eisrich

 

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