Stadtkirche am Abend: Kirche und Jugendliche - Ansprache Dorothee Eisrich

Ansprache von Pfarrerin Dorothee Eisrich zum Thema Kirche und Glaube aus der Sicht Jugendlicher bei der Stadtkirche am Abend am 16. November 2014 in Schorndorf

 

Liebe Jugendliche, liebe Erwachsene,

aufbrechen, in ein Zukunftsland, nicht sitzen bleiben und es sich in den Häusern oder der Welt unserer Vorfahren gemütlich machen – darum geht es eigentlich. Wer nur denkt und tut und nachspricht, was unsere Väter und Mütter gedacht und getan und gesagt haben, lebt in ihren Buchstaben, aber nicht in ihrem Geist. Wir wollen und müssen weiterleben, weiter übersetzen.

Und so ist es richtig spannend, einander zuzuhören.  Euch Jugendlichen zuzuhören, zu all den Fragen, über die man sonst so oft schweigt. Was ist mir eigentlich wichtig im Leben? Wo möchte ich hin? Wer möchte ich gerne sein? Was gibt mir Kraft, wenn ich verzweifeln könnte? Wie gehst du um mit deiner Angst? Lauter Fragen, vor denen wir ja alle stehen. Dinge, die wir ja alle irgendwie meistern müssen. Was hilft uns dabei – und was nicht? Was könnte der Glaube dabei sein?

Für fast alle von Euch steht an erster Stelle: Familie ist wichtig. Vermutlich, weil wir das sonst nirgendwo mehr erleben: dass jemand wirklich zu mir steht – vor allem in Zeiten, in denen das Eis dünn ist, auf dem man lebt. Leben heißt heute ja fast: zusehen, das man von dem Kuchen, der verteilt wird, auch irgend etwas abbekommt. Dafür werdet ihr fit gemacht in der Schule. Falls es nicht klappt – kann ich mich zumindest auf meine Familie verlassen. Aber was, wenn sie bröckelt?

Mich beeindruckt  der Stellenwert, den Freunde bei euch haben.  Menschen, mit denen es Spaß macht zu leben, die mich verstehen. Unwillkürlich fragt man sich: warum nimmt das bei uns Erwachsenen mit den Freundschaften so ab? Kennen wir wirklich nur noch Arbeitsverhältnisse, Pflichten, denen wir unsere ganze Lebenskraft widmen, und kaum mehr Begegnung und Freundschaft einfach so, ohne Zweck, von Mensch zu Mensch?

Kirche ist ein Haus der Träume.  Hier ist Raum für unsere Sehnsucht. Viele Eurer Wünsche haben uns berührt. Wenn man sie aber mit den biblischen Träumen vom Leben vergleicht, sind sie vergleichsweise noch bescheiden. Unsere Glaubensvorfahren haben viel unbescheidener geträumt. Für sie war Glaube nicht nur privat: Blinde sehen, Lahme gehen, Trauernde werden getröstet, Hungrige werden satt, Tyrannen werden gestürzt, Arme werden enthoben. Und sie wirkten mit an einer Welt, in der sich das ereignete, wurden Teil einer Erneuerungsbewegung, einer anderen Welt. Wenn wir uns an diese Träume erinnern, geht es mir wie mit dem Feuer, das ihr vor der Kirche entzündet habt. Wir spüren seine Kraft, es steckt uns an. 

Wenn man euch zuhört, spürt man: Wir brauchen eine neue Sprache für unseren Glauben. Dass es genau um das geht: woran Menschen heute leiden, was sie bewegt, berührt, was die Kraft hat, uns zu befreien.

Manche von uns hatten einen Kinderglauben - und streifen ihn mit Entschluss ab. Unsichtbar, unbeweisbar, veraltet in seinem Weltbild. Vielen Menschen entgleitet der Glaube einfach, ohne dass jemand es merkt – oft nicht einmal man selbst.

Und manche finden einen Halt im Glauben, eine Gelassenheit,  um die andere sie beneiden. Und doch muss vieles von dem, was ihr zu Recht beanstandet, anders werden, in unserer Sprache, in unserem Denken, in unserem Tun.

Diese Woche hat jemand gepostet: This week in science – und es kam ein Bild von Philaes Landung auf dem Asteroiden. Daneben: This week in religion: und es war zu sehen, wie Vertreter der IS eine ganze Menschengruppe abschlachten.

Religion ist schillernd. Sie braucht Aufklärung, Menschen, die kritisch hinterfragen. Fanatismus und Fundamentalismus sind durch nichts zu rechtfertigen.

Aber der christliche Glaube und die Sehnsucht nach Gott ist es auch, der Menschen dazu gebracht hat, Unglaubliches in ihrem Leben anzupacken.  Hier in Schorndorf hat er unsere Vorfahren dazu gebracht, diese riesige Kirche zu bauen, ein Haus der Zuflucht und der Hoffnung für alle, ein Haus  des Gewissens und des Trostes mitten in der Stadt. Eine offene Stadt- oder Bürgerkirche ist sie heute, in der alle Platz haben, wo wir die Fragen diskutieren, die uns betreffen und wir unsere christliche Sicht einbringen. Wo wir uns daran erinnern, dass wir nicht nur der Arbeit und der Produktion gehören, sondern dass wir mehr sind. An einem Tag in der Woche frei. In einer Welt, in der alles  durchkalkuliert ist und sich rechnen muss, stehen wir für Barmherzigkeit, für eine Welt, in der kein Mensch verloren ist, in der jeder sein darf, wie er ist.  Wir werden an Orten wie diesen immer wieder daran erinnert, dass das Leben anders sein kann. Dass der Himmel über uns offen steht. Ich denke, von einer solchen Religion brauchen wir ziemlich viel.

 

© Dorothee Eisrich

 

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