Was Kirche sein kann - Dorothee Eisrich

 Manuskript Pfarrerin Dorothee Eisrich für „Stadtkirche am Abend“, Schorndorf, 19.01.2014 "Wo der Himmel offen ist" - was Kirche sein kann (PDF-Version)

 

Wenn wir von Kirche träumen  – was wir sicherlich nicht jeden Tag tun…. aber heute tun wir es ja einmal miteinander – was für Bilder steigen da in mir auf?

- Könnte Kirche so etwas sein wie ein Haus aus lebendigen Steinen, wie diese Wand hier vorne, durchlässig, hinweisend auf eine andere Welt, die durch diese Mauer in unser Leben hineinscheint, voller Licht?

- Kirche ein Ort, der mir immer offen steht, an dem ich zur Ruhe kommen kann?

 

- Das Erleben von Gemeinschaft, wo ich spüre: ich gehöre zu einer großen Familie dazu? Und wie das so ist bei einer Familie: ich hab sie mir nicht nach meinem Geschmack ausgesucht, manche stehen mir näher, manche sind sehr anstrengend  – und doch ahnen wir, wie wohltuend es ist, dass wir alle zusammengehören?

 

- Oder ist Kirche eher ein Ort, an dem ich mich fremd fühle, weil ich nicht zuhause bin in diesen Worten, in dieser Sprache, in diesen Liedern? Hier gibt es Worte, die sind einfach ein paar Nummern zu groß für mich. So vieles wirkt intellektuell unredlich. Und was soll ich mich abmühen mit Liedern, die nicht die meinen sind – viel zu alt, viel zu modern,…?

Viele Menschen sagen heute: „Ich brauche für mein Leben keine Religion. Und schon gar nicht das ganze christliche Zeug. Es lebt sich auch ganz gut ohne sie.“
Andere sagen: „Kirche und Religion – das habe ich längst getrennt. Eine Kirche brauche ich nicht. Aber religiös bin ich schon irgendwie“.
Auf der anderen Seite haben überwältigend viele Schorndorfer durch ihre Spende ausgedrückt, dass sie mithelfen wollen,  dass es weiterhin die Stadtkirche hier mitten in Schorndorf gibt.  Und Sie sind mit dieser kleinen oder großen Spende Teil eines riesigen Projekts geworden. Teil eines Jahrhunderte alten Projekts, das uns mit den Generationen vor uns verbindet. Ein Teil an dieser Kirche ist nun von Ihnen: ein Stück von der hellen Farbe an der Wand, von der Wärme der neuen Heizung,  eine der Orgelpfeifen, Teil des neuen Lichts.

Aber was erwarten Sie und all die Menschen, die uns unterstützt haben, nun mit dieser Kirche? Ein Ort des Trostes und der Hoffnung mitten in der Stadt? Wie können wir diesen Trost erfahren und einander weitergeben? Hoffnung in einer Zeit, in der alles so festgezurrt ist?
Ein Ort des Gewissens mitten in unserer Stadt, ein Ort, der für Werte steht, die uns helfen zu leben?    
                                                   

Ein Ort der Erinnerung? Seit über 500 Jahren sind Menschen hierhergekommen und haben hier gebetet und geweint, haben Gott gesucht und sind oft genug aber auch enttäuscht und leer wieder hinausgegangen, haben hier geheiratet und Gott um seinen Segen gebeten für das Leben miteinander. Hier haben auch wir vielleicht unsere Kinder getauft und gefeiert, dass sie nicht nur unsere Kinder, sondern Gotteskinder sind. Hier wurden unzählige Jugendliche konfirmiert – an der Schwelle, wo sie ihren eigenen Lebensweg suchen.

Viel Ermutigendes ging von diesem Ort aus. Aber – so weiß ich aus vielen Gesprächen: auch viel Einengendes. Viele heilige Momente, wo wir berührt waren -  aber auch viel Scheinheiliges, das uns befremdet, viel Eitelkeit und Machtmissbrauch. Und hinzu kommt in jeder Kirche, dass das, was einmal lebendig war, erstarren kann. Dass die Symbole nicht mehr verstanden werden, dass sich etwas totläuft. Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes – so beginnt jeder Gottesdienst. Aber bei  wem geht bei diesen Worten noch das Herz auf, dass wir nun bei allem, was wir danach tun, mit der befreienden Gegenwart Gottes rechnen dürfen? Sind diese Worte nicht zu einer Formel erstarrt?  Wer versteht heute noch eines unserer ganz großen Symbole, das Abendmahl. Wie viele Berge an Dogmatik, wie viel Jahrhunderte Kirchengeschichte haben  sich über diese schlichte Geste gelegt: Wir teilen das Brot miteinander und spüren, dass in diesem Augenblick Christus selbst gegenwärtig ist und wir zu seinem Leib werden.

Und gleichzeitig ist es eine Stärke von Kirche, dass hier ein Ort ist, der solche Träume aufbewahrt. In einer Zeit, die sehr visionsarm geworden ist, gibt es hier eine Fülle zu entdecken: der Traum von einem anderen Leben, von Gott in unserer Mitte, dass es einmal einem kleinen David gelungen ist, den Riesen Goliath zu besiegen; dass Gerechtigkeit möglich ist, der Traum von einem offenen Himmel. Heribert  Prantl  hat einmal geschrieben:
" Kirche ist das, was es ohne sie nicht gäbe. Es gäbe keine Räume der großen Stille, der Meditation, des Innehaltens. Es gäbe keinen Raum, in dem Wörter wie Barmherzigkeit, Seligkeit, Nächstenliebe und Gnade ihren Platz haben, es gäbe keinen Raum, in dem noch von Cherubim und Serafim die Rede ist. Die Poesie der Psalmen hätte keine Heimat mehr. Es gäbe keinen Raum, in dem eine Verbindung da ist zu uralten Texten und Liedern - zu Liedern, die die Menschen schon vor Jahrhunderten gesungen, und zu Gebeten, die die Gläubigen schon vor Jahrtausenden gebetet haben. So aber ist Kirche ein Ort, der Zeit und Ewigkeit verbindet. (..)Kirche ist fürwahr nicht der Himmel und die wenigsten ihrer Funktionäre sind Heilige. Sie kann aber, wenn es gutgeht, ein Ort sein, an dem der Himmel offen gehalten wird."

Es ist der Traum vom Aufbrechen, den die Kirche aufbewahrt. Vom Freiwerden. Vom Licht in finsteren Zeiten. Vom Leben in Gemeinschaft. Von der Verbundenheit mit Gott, die Gelassenheit schenkt und stark macht.
Wenn ich heute an meine Leben denke, an all die Herausforderungen, vor denen ich stehe, an das, was mir Angst macht, worauf ich mich freue  – und dann träume von einer Kirche - Was könnte Kirche für mich sein?

 

Musik

 

Man muss sich immer wieder bewusst machen: es war ja gar nicht unsere Idee, eine Kirche zu gründen. Wir knüpfen an Jahrtausende alte Lebens- und Gotteserfahrungen unserer Vorfahren an.
Es fing alles damit an, dass jemand die Erfahrung machte: Ich bin von Gott angerufen. „Brich auf, aus deinem Land, aus deiner Verwandtschaft, aus deinem Elternhaus in das Land, das ich dir zeigen werde. Ich will dich segnen und du sollst ein Segen sein. So hörte Abraham, der Vater unseres Glaubens, eine innere Stimme, die ihn rief. Er ließ sich darauf ein, brach auf, gemeinsam mit seiner Frau Sarah - und erlebte Gott. Glauben hieß für ihn: ich bin von Gott gerufen. Und ich möchte mit meinem Leben antworten. Hier bin ich. Seither ist diese Wanderbewegung im Gange. Menschen, die aufbrechen. Die sich nicht niederlassen, es sich bequem machen, sondern dieses Land suchen, in dem Milch und Honig fließen für alle. Die auf diesem Weg zum Segen und zum Vorbild werden für andere. Und sich auf diesem Weg begleitet wissen auf unsichtbare Weise von Gott.

Sie bekamen Regeln für diesen Weg. Werte, Gebote. Lügt nicht. Nehmt anderen nicht weg, was ihnen gehört. Haltet die Sabbatzeiten ein. Schützt die Ehen. Ehrt Vater und Mutter. Wie aktuell, wie mitten ins Leben hineinreichend sind diese Regeln. 
Erfahrungen mit Jesus kamen dazu. „Kehrt um, erneuert euer Denken, ändert eure Art zu leben. Gott ist nahe“ das war seine Botschaft. Er träumte und lehrte von einer neuen Welt, die er „Reich Gottes“ nannte, eine Welt wie eine Gegenwelt zu all den Ungerechtigkeiten. Eine Welt, in der niemand verloren ist. In der wir mit Gottes Gegenwart rechnen. Selig nannte er nicht die Glücklichen, sondern die Traurigen: denn sie werden getröstet werden. Selig nannte er nicht die Ellenbogenmenschen, die sich durchsetzen, sondern die mit den reinen Herzen:  sie werden Gott schauen. Es ist eine Welt, an der wir mitwirken können. Er erzählte in einer Sprache, die alle verstanden, weil sie so anschaulich war. Wenn euer Glaube nur so klein wäre wie dieses Senfkorn, ihr könntet Berge versetzen. Pflanzt euer Senfkorn ein, und es wächst und wird größer und wirkt sich aus – vertraut darauf!

Sein Tod war erstaunlicherweise nicht das Ende, sondern der Anfang einer weltweiten Bewegung: überall schossen Gemeinden wie Pilze aus dem Boden, die sagten: hier bei uns lebt er weiter, hier ist er gegenwärtig, wenn wir in seinem Geist leben und in seinem Namen das Brot miteinander teilen.

Kehren wir wieder zurück zu uns. Was könnte also heute Kirche sein – ist unsere Frage. Kirche im Geist Jesu? Braucht es dazu solche Räume? Und wenn ja, wofür? Mit welchem Leben wollen wir es füllen? Was sollen Menschen, die hier eintreten, vorfinden, erleben?

- In Zeiten, in denen ja längst nicht mehr alle evangelisch sind und doch so viele mitbauen an diesem Haus?
- In einer Zeit, in der jeder von uns sein Päckchen zu tragen hat – und wir darüber hinaus die Augen nicht davor verschließen können, dass das Leben hier auf der Erde in noch nie dagewesenem Ausmaß  gefährdet ist?

Für mich ist diese Kirche ein Raum wie eine Einladung oder man könnte auch sagen eine Erinnerung, Gott nicht zu verschweigen. Wir können es überall auf der Welt. Aber wir tun uns viel leichter damit, wir haben dafür eine äußere Form. Ein Ort, mitten in den schmucken Fachwerkhäusern und Läden Schorndorfs mit all seiner Bürgerlichkeit, wo sich ein anderer Himmel über uns wölbt. Der wie eine Einladung ist, herauszutreten aus unserer kleinen Perspektive, unseren Teufelskreisen, unseren Denkschleifen, unseren Gewohnheiten  – und den Himmel Gottes offen über uns sehen. Fenster, durch die das Licht anders fällt, wo Licht und Schatten anders verteilt sind. Wo so viele Zeichen, Bilder und Symbole von einer viel größeren Kraft erzählen.
Ein Ort, wo wir  lernen, die Hoffnung immer wieder neu zu buchstabieren, wo wir der Hoffnungslosigkeit wiedersprechen: nein, es bleibt nicht alles, wie es ist. Das Reich Gottes ist im Kommen – und wir arbeiten daran mit.
Wir stehen für eine Kultur des Miteinanders und nicht für eine Kultur des Erfolgs.

Nein, mit dem Tod ist nicht einfach alles aus.  Wir haben etwas zu sagen, über den Tod hinaus. Wir tun das nicht mit leichten Lippen, mit einer selbstverständlichen Geläufigkeit. Manchmal eher stammelnd und selbst mit Tränen in den Augen. Aber doch von Hoffnung getragen.
Ja, wir singen hier Lieder, die meilenweit über das hinausragen, was ich verstehe oder je verstehen werde und mit meinem Leben auch füllen kann. Wir backen hier nicht nur die kleinen Brötchen, die wir abdecken können mit unserer Redlichkeit. Wir schmecken hier vom Brot des Lebens, von einer Hoffnung, die größer ist als wir. 

Kirche ist kein Ort der Vernebelung, sondern ein Ort, an dem wir mit klaren Worten rechnen können. Von Papst Franziskus, für uns Bruder Franziskus, sind in seinem apostolischen Schreiben folgende Worte zu lesen: „Diese Wirtschaft tötet. Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Straße zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte an der Börse Schlagzeilen macht. Das ist Ausschließung.“  Wie wichtig sind Kirchen als Orte, die unserer Selbstherrlichkeit eine Grenze setzen. Wie wir mit Menschen umgehen, die auf der anderen Seite der Erdhalbkugel leben, mit der Natur, mit den Tieren, mit den Menschen, die unsere günstigen Kleider nähen.

Ich träume eine Kirche, die Gott nicht verwaltet, von Gott alles weiß und ihre Schäfchen belehrt. Sondern die selbst mit Gott rechnet. Die diese heilige Kraft nicht verschweigt, sondern den Himmel offen hält.
Ich träume von einer Kirche, in der wir miteinander herausfinden, was unser Leben kaputt macht. Sünde haben unsere Vorfahren dazu gesagt. Was zerstörerisch ist für uns – und was unser Leben rettet. Eine Kirche, die jeden Menschen in ihrer Mitte willkommen heißt, seine Würde sieht, ihn wahrnimmt. In Gemeinschaft lebend – das heißt ja nicht von oben herab, sondern zuhörend, beteiligend.

Ich hoffe, dass Sie es so erleben, wenn Sie diese Kirche hier betreten, dass Sie spüren, dass Sie Teil einer Gemeinschaft sind. Dass es hier nicht heißt „Schön, dass du da bist  … und das und das musst du jetzt alles glauben“. Sondern ermutigend: wie spannend es sein kann, wenn man die eigenen Glaubenserfahrungen ernst nimmt.

Am Tag der Kunstnacht haben wir in der bankfreien Stadtkirche im Stundentakt erlebt und einen Vorgeschmack bekommen, was Kirche sein kann: ein Ort, wo man singt und tanzt und betet, wo Trauernde einen Raum haben für den schwierigen Weg voller Abschiede und Neuanfänge, wo Behinderte Ehrengäste sind und Jugendliche Raum bekommen für ihre eigenen Erfahrungen mit Kirche. Wo es unverhoffte überraschende Begegnungen gibt und vertraute. Raum eben für alle.

Eine solche Kirche ist nicht irrelevant. Von einer solchen Kirche brauchen wir ziemlich viel. Menschen, die mitmachen an diesem Haus der lebendigen Steine. Die als Christen ihr Leben nicht jederzeit  „im Griff haben“, sondern einfach Salz und Licht sind. Die mittragen und selbst getragen werden – und manchmal weiß man gar nicht, wo das eine anfängt und das andere aufhört. Die nicht aufhören zu beten und zu arbeiten, zu lieben und dann zu tun, wohin die Liebe sie führt – bis Gott einmal alles ist in allem.

 

© Pfarrerin Dorothee Eisrich, Stadtkirchengemeinde Schorndorf

pdf-Version

 

 

Impressum

Evangelische Stadtkirchengemeinde Schorndorf
Friedrich-Fischer-Strasse 4
73614 Schorndorf
  Telefon:(07181) 979619
     Fax: (07181) 979629
Pfarramt.Schorndorf.Stadtkirche-West[at]elkw.de

 


Evang. Kirchenpflege Schorndorf, Schlichtener Str. 21
Kreissparkasse Waiblingen
BIC    SOLADES1WBN
IBAN    DE74 6025 0010 0005 3819 37

 

 
Die Evangelische Stadtkirchengemeinde ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie wird vertreten durch den kirchengemeinderat, der wiederum durch die 1. Vorsitzende Pfarrerin Dorothee Eisrich oder den 2. Vorsitzenden Dieter Feser.Inhaltlich verantwortlich nach $5 Telemediengesetz (TMG) und §55 Staatsvertrag über Rundfunk und Telemedien (RSTtV): Geschäftsführende Pfarrerin Dorothee Eisrich. [Haftungsausschluss