Was meine Seele weit macht – Erfahrungen mit dem Beten

Manuskript Pfarrerin Dorothee Eisrich für „Stadtkirche am Abend“

Schorndorf, 24.03.2013

 

Hilft beten?

So fragt man sich unwillkürlich manchmal. Ändert sich etwas, ob ich nun Gott danke oder bitte – oder ändert sich nichts?

Hilft beten, wenn jemand seine Arbeit verloren hat oder schwer krank ist?
Hilft Beten, wenn ich etwas aushalten muss, was sich nicht ändern lässt?
Hilft Beten, wenn wir die Not in der Welt sehen und Gott um seine Hilfe bitten?
Hilft Beten, wenn Menschen, die mir nahe stehen, sich in einer schwierigen Situation befinden?

Ich werfe meine Fragen hinüber. Wir wollen dieses Lied miteinander singen.

Was ist Beten?

Ich weiß nicht, welches Bild vor Ihrem inneren Auge auftaucht, wenn Sie an das Beten denken. Einen Moment die Hände falten, die Augen schließen. Den Kopf senken – und dann geht der Alltag weiter wie bisher? So viele Fragen tauchen in einem auf. Sind das nicht mehr oder weniger Selbstgespräche? Eine große aber schöne Illusion? Weiß Gott nicht schon längst, was wir brauchen noch ehe wir ihn bitten, wie Jesus es einmal gesagt hat? Was ist Beten?

Ich habe vermutlich wie viele von Ihnen als Kind beten und als Erwachsener zweifeln gelernt. Mir sind viele abschreckende Beispiele begegnet. Gebete voller Selbstdarstellung und Besserwisserei oder auch voller Oberflächlichkeit. Und mir sind Menschen begegnet, die mir mit ihrem Beten zum Lehrer und Vorbild wurden. Ich kenne Phasen, in denen habe ich regelmäßig gebetet – und Lebensphasen, wo das Beten weit weg von mir war.

Heute ist Beten für mich weit mehr als für einen Moment innehalten. Es ist eine Lebenshaltung. Eine Frage der Wahrnehmung. Dass ich nicht nur sehe, was vor mir ist, der Mensch, die Situation, die Sorge, die Not. Sondern es ist eine Lebenshaltung, die in diesem Alltag mit Gott rechnet. Mit dem, was möglich ist. Was sein oder werden kann. Gottes Heiligkeit mitten im Alltag entdecken. Und mit den Augen der Liebe sehen lernen.

Christliche Spiritualität – so nennen viele ja heute das Beten – könnte man ganz kurz so zusammenfassen: es ist alles, was uns in die richtige Beziehung bringt. Was unser Leben in Beziehung bringt zu Gott, zu meinem Mitmenschen, zu der ganzen Schöpfung und was uns hilft, aus dieser Verbundenheit heraus zu leben. Beten macht uns die Einheit des Lebens bewusst: dass wir mit Gott in dieser einen Wirklichkeit leben.

Beten hilft uns, aus den vielen Stimmen, die uns umgeben, auch die Stimme Gottes zu hören, der ständig ruft: es werde! Steh auf, nimm dein Bett und geh! Siehe ich stehe vor der Tür! Beten hilft uns, nicht trivial zu werden in unserem Leben, nicht nur zu funktionieren, sondern immer wieder eine andere leuchtende Stimme zu hören. Beten lehrt uns,  Chancen wahrzunehmen. Die Beter der Bibel lehren uns, nicht nur Ja und Amen zu sagen, sondern Wünsche zu haben, Wünsche, die wir oft als Sehnsucht in uns tragen. Nicht nur die kleinen für mich und mein Ego und meine Familie, sondern große unbescheidene Wünsche: nach Frieden auf dieser Welt, nach Heilwerden. Unser täglich Brot gib uns heute. Und vergib uns unsere Schuld. Beten ist nichts Harmloses, Unwichtiges. Sondern hilft uns, dass wir endlich freie Menschen werden und die Kraft finden zu handeln. Und nicht aufzuhören, nach dem Leben zu suchen, das uns verheißen ist. 

Wenn ich bete, wird mir bewusst: ich gründe mich nicht in mir selbst. Auch nicht in dem, was ich besitze oder was ich leiste und arbeite. Sondern ich gründe mich in der Beziehung mit Gott, in der Beziehung zu allem Leben. Das ist es, was mir Ruhe schenkt und was mich stark macht. Martin Buber hat einmal den schönen Satz gesagt: Gott ist das DU, an dem wir werden. Ich kann gar nicht allein für mich Mensch sein. Um Mensch zu sein, brauche ich ein Gegenüber, an dem ich wachse und werde. Es ist ein Leben in Beziehungen, zu dem wir geschaffen sind.

„Gott ist gegenwärtig“ heißt ein Lied von Gerhard Tersteegen. Und dort heißt es: „ Wie die zarten Blumen willig sich entfalten und der Sonne stille halten – lass mich so, still und froh, deine Strahlen fassen und dich wirken lassen.“

Musik:  Choralimprovisation zu „Gott ist gegenwärtig“

Beten heißt: Gott loben

Wenn wir beten, haben wir teil an dem großen Gotteslob, das in der ganzen Schöpfung klingt. Alles was atmet, lobe Gott. Jede Pflanze, jedes Tier, jedes Volk der Erde, jeder Berg, jedes Tal. Wir spüren es ja, wenn wir draußen sind: Es gibt einen großen Gesang der Schöpfung. Und wir sind aufgefordert, in diesen Gesang mit einzustimmen.

Doch unser Alltag bringt es mit sich, dass wir den Blick dafür verlieren. Wir sehen in erster Linie uns selbst, was uns gelingt und was uns misslingt. In unserem Kopf kreisen die Gedanken, was wir noch alles tun sollten, was alles an uns hängt. Und unser Blickfeld wird klein. Wie schön, wenn dann jemand das Fenster öffnet oder ich selbst heraustrete unter den freien Himmel, wenn der Horizont wieder weit wird und wir wahrnehmen: es gibt so viel mehr als mich und das, was ich machen kann. Es gibt eine Kraft, die mich übersteigt. Die vor uns da war. Die wir nie ganz ergründen können. Und so kommt zum Lob auch der Dank. Es gibt so vieles im Leben, was wir nicht gemacht haben, sondern was ein Geschenk ist. Auch mein Leben, so muss ich mir immer wieder bewusst machen, habe ich ja nicht als meinen Besitz in der Hand, sondern ist ein Geschenk. Ich habe mich selbst nicht geschaffen. Auch die Menschen neben mir nicht. Auf die Idee wären wir  vermutlich gar nicht gekommen, solche Menschen zu schaffen wie die Menschen neben uns, sogar mit einer anderen Hautfarbe, einer anderen Sprache, einem anderen Temperament, einer anderen Religion. Wir wären nie auf die Idee gekommen, so viele Tiere zu erschaffen, und dann gleich auch noch so viele Arten davon. Diese Welt ist so viel reicher, als es ein einzelner Mensch je wahrnehmen und erfassen kann.

In der Kirche lernen wir, diesen Gott zu loben. Gottes Gegenwart uns bewusst zu machen und zu feiern. Das heißt nicht, uns selbst klein zu machen. Ach, ich bin viel zu wenig. Gott ist alles, ich bin nichts. Dier Sprache der Demut will uns nicht ins Depressive führen.  Sondern unsere Augen , Herzen und Sinne  öffnen. Du meine Seele singe! Manchmal braucht unsere Seele einen kleinen Schubs, eine freundliche Aufforderung. Bleib nicht stumm und verschlossen. Werde nicht träge, grau und blass. Sieh den Glanz in dieser Welt. Preise den, der alles mit Leben erfüllt! Musik: Choralimprovisation „Du meine Seele singe“

Beten heißt: Gott vermissen

Aber was, wenn uns nicht nach Loben zumute ist? Wenn wir ohnmächtig zusehen müssen, wie etwas schief läuft? Wenn wir Leid erfahren? Wenn andere Leid erfahren oder jemand Unrecht widerfährt? Wenn das Leben bedroht ist? Wenn jemand ernsthaft krank wird, mit etwas viel zu Schwerem fertig werden muss und man förmlich sieht, wie jemand daran zerbricht? Wenn es keine Bewahrung gibt und keine Engel, die einem heraushelfen?

Wir Christen tun heute oft so, als sei Loben sozusagen der Normalfall. Und  alles andere ist im Grund gar nicht richtig erlaubt. Dann verstehen wir Gottes Willen halt nicht, heißt es oft. In dem Gebetbuch der Bibel, den Psalmen, ist es genau anders herum. Die meisten Gebete sind Klagepsalmen. Klagegebete. In einer Heftigkeit, die wir uns heute gar nicht mehr trauen würden, wird Gott geklagt, geradezu angeschrien: Warum? Wie lange noch?  Warum hast du mich verlassen? Ich bin wie ein zerbrochenes Gefäß. Ausgeschüttet wie Wasser. Alles ist wie ausgetrocknet in mir. Wo bist du, Gott? Siehst du mich nicht? Warum geht es den andern so gut und mir nicht?

Fromm sein heißt für sie nicht, die Not ausblenden oder sich viel zu schnell in sein Schicksal ergeben. Sondern aussprechen, wo wir Gott sehr schmerzlich vermissen. Wir haben uns angewöhnt, nur die guten Zeiten miteinander zu teilen, wenn wir erfolgreich sind und fit  - und wagen uns in den schlechten Zeiten fast nicht aus dem Haus. Kranke, Alte, Sterbende – sie kommen in unserem Alltag kaum vor. Es ist, als ob wir sie alle einsammeln und in besondere Häuser am Rand unserer Stadt unterbringen. Aber wir sind nicht nur eine Lebensgemeinschaft, wir sind auch eine Leidensgemeinschaft. Und wo Not und Leid das Leben bestimmt, heißt beten: nicht einverstanden sein mit der Schmach, die anderen oder einem selbst angetan wird. Es ist nicht gleichgültig, was mit dem Leben geschieht, wo Menschen leiden. Wachet und betet mit mir – hat Jesus seine Jünger gebeten. Schaut wenigstens ihr nicht weg, sondern seid einfach da und helft einander, gerade in diesen Zeiten die Verbundenheit mit Gott nicht zu verlieren.

Wir brauchen Gott nicht über die Not in der Welt informieren. Und wir dürfen  Gott nicht magische Kräfte zuschreiben, die alles wenden können das wäre mehr Wunsch als Wirklichkeit.  Aber wer in der Not betet, ist nicht allein, sondern hat  im Gebet ein Gegenüber. Einen Gott. der das Leiden sieht und das Schreien hört. Vielleicht auch Menschen, die ihm nahe sind, die mit ihm wachen und beten, weinen und schweigen. Hoffen und bangen.  Gemeinsam trauern und nach dem suchen, was uns Hoffnung gibt, über Leben und Tod hinaus.

Musik: Klage

Beten kann man lernen

Wie lernt man beten? Ist das etwas, wofür man eine gewisse Begabung oder Veranlagung braucht, was die einen besser können als die anderen? Religiös Sonderbegabte sozusagen, und für die anderen ist und bleibt es eher eine Gelegenheitsgeschichte?

Alle spirituellen oder geistlichen Lehrer sagen relativ einmütig: Beten ist wie ein Handwerk. Man kann es lernen. Es braucht Zeit, es zu lernen. Aber es lohnt sich, wenn wir nicht untergehen wollen. Wenn wir nicht ersticken wollen in unserem täglichen Klein-Klein.

Beten, so haben wir gesagt, ist eine Frage der Wahrnehmung, der Aufmerksamkeit für die Gegenwart Gottes. Diese Wahrnehmung kann man übern – und man kann sie verkümmern lassen. Man muss sie ein Leben lang lernen, wenn sie ihre Kraft entfalten will. Es braucht dazu nicht ein flammendes Ergriffensein. Jesus schickt uns zum Beten eher in die Kammer, in die Stille. Und auch was da geschieht, ist oft nicht aufregend. Eher wie eine regelmäßige Arbeit, die man tut. Das Kreuzzeichen schlagen, wie Katholiken es tun. Den Morgen mit einem Bibelwort und einer Zeit der Stille beginnen, um wach zu werden und sein Leben auszurichten. Ein Abendlied singen. Es ist alles nicht spektakulär. Und doch entflammt dabei langsam das Herz. Denn eine Lebenshaltung, ein weises Herz fällt nicht vom Himmel. Man muss es einüben. Den Bildern Raum geben, die uns leiten. Sie werden uns tragen – dass wir nicht überheblich werden in guten Zeiten. Und sie werden uns tragen auch in Zeiten, in denen wir ohne das Gebet abstürzen würden. Es stimmt zwar:  Not lehrt Beten.  Aber so wie es ungeeignet ist, überhaupt erst dann Schwimmen zu lernen, wenn man am Ertrinken ist, so tut es gut, schon beizeiten auszuprobieren, welche Planken unter unseren Füßen uns tragen und welche nicht. Wir sind es gewohnt, möglichst individuell, möglichst ungebunden, möglichst frei zu sein und sind stolz darauf, uns dies zu bewahren. Aber bescheidene Regeln und Rhythmen helfen uns, nicht zu ermatten. Machen uns langfristig. Unabhängig von dem Diktat der Laune und der Gestimmtheit im Augenblick.

Vielleicht nehmen wir uns wieder vor, unsere eigene Praxis zu überprüfen. Einen Ort, eine Zeit, eine Form zu finden. Und diese dann regelmäßig zu tun. Eine Kerze anzünden. Einen Bibelvers oder ein Gebet, einen Psalm lesen. Eine Zeit der Stille. Langsam werden, dass etwas wachsen und sich ausbreiten kann in uns. So beginnt das Einüben, das sich auswirken wird. Dass es immer mehr in uns betet. Und wir immer wieder neu unseren Alltag unterbrechen, wenn wir merken, dass wir aus dieser Ganzheit des Lebens wieder herausfallen. Einen Schritt wieder zurücktreten, wenn wir bitter werden oder die Ohnmacht sich wieder einschleicht. 

Gebet ist nicht ein Mittel, um von Gott etwas zu erreichen. Jesus sagt: Gott weiß doch, was wir brauchen, noch ehe wir ihn bitten. Es ist eher ein Reden des Herzens mit Gott, wie wir im Katechismus von Luther gelernt haben. Immer wieder neu Klarheit gewinnen: wo will ich hin, wie will ich leben.

Wir leben in einer Welt, in der so viel am Wanken ist. Wo so viele Menschen leiden. Wo unser ganzes Gefüge des Lebens durch unsere Art zu leben gefährdet ist.

Unsere Zukunft, so höre ich immer öfter von ganz verschiedenen Seiten, liegt in unserer Spiritualität. Ob wir in uns die Kraft finden zu handeln. Ob die Träume in uns lebendig bleiben, dass ein anderes Leben möglich ist. Ob ich in meinem Alltag die innere Kraft finde, mitten in all dem Erstarrten, in all den Krisen, in all der Gleichgültigkeit und der Kälte, die uns oft entgegenschlägt, den Weg der Liebe weiter zu gehen, den Weg der Lebendigkeit und des Füreinander-Daseins – und sich dabei immer wieder neu überraschen lassen von Gottes unsichtbarer Gegenwart.

© Dorothee Eisrich

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