Christen haben weitweit Verantwortung

Reformationsvortrag des Katholiken und ehemaligen Ministerpräsidenten Erwin Teufel in der Stadtkirche

Schorndorf. Christlicher Glaube und die Verantwortung für Frieden und Freiheit gehören untrennbar zusammen: Diese Botschaft hatte der Katholik und ehemalige Ministerpräsident Erwin Teufel in die evangelische Stadtkirche mitgebracht, in der er die Festrede zum Reformationstag hielt. Ganz in der von Dekanin Dr. Juliane Baur beschriebenen Tradition, den Reformationstag ganz bewusst dazu zu nutzen, sich durch geistige und geistliche Impulse von außen inspirieren zu lassen.

Als einen „profunden Kenner von Politik, Gesellschaft und Glaube“ kündigte die Dekanin den im September 80 Jahre alt gewordenen Erwin Teufel an, der seinerseits die Einladung in die Stadtkirche als Beleg dafür nahm, „wie nahe wir uns sind“. „Es ist gut, dass wir zusammenstehen, weil Christen vielerorts keine Mehrheit mehr sind“, sagte der Festredner mit Blick auf die Christen beider großen Konfessionen, die in der Politik nach wie vor und eigentlich mehr denn je gefragt seien. „Jeder Mensch ist auch Mitmensch und Mitbürger, und es ist unsere gemeinsame Aufgabe, einzutreten für eine menschliche Gesellschaft und ein menschengerechtes Zusammenleben“, sagte Teufel, der deutlich machte, dass sich Nächstenliebe und christliche Verantwortung längst nicht mehr nur auf den Nächsten im persönlichen Umfeld beschränken dürfen, sondern dass die Verantwortung in einer Welt, in der es nicht mehr wie bei Goethe ein „Weit hinten in der Türkei“ gebe, eine weltweite geworden ist. Andere hätten das in diesen Tagen am Klimawandel festgemacht, Erwin Teufel machte seinen Appell an den Flüchtlingen fest (wobei das eine durchaus auch etwas mit dem anderen zu tun hat). „Da ist es mit der Überweisung von Geld nicht getan, da braucht es menschliche Hilfe“, sagte der ehemalige Ministerpräsident und stellte fest: „Unsere Welt wird immer mehr zu der einen Welt, und in einer solchen Welt wird der Fremde zum Nächsten.“

Christliche Verantwortung und Pflicht zur Nächstenliebe sind aus Sicht von Erwin Teufel aber auch dann gefordert, wenn es um den Erhalt von Frieden und Freiheit in Deutschland und in Europa gehe. „Diese Verantwortung beginnt von unten nach oben, der Staat darf den Menschen nicht übergestülpt werden“, definierte der 80-Jährige das sogenannte Subsidiaritätsprinzip, das regelt, dass jeweils die untere Ebene so lange Vorrang vor der nächsthöheren hat, solange sie in der Lage ist, sich selbst zu helfen. Teufel machte dies an der Arbeit des Diakonischen Werks und des Caritasverbandes fest, die in Wahrheit die größten Unternehmen in diesem Land seien – und nicht VW, Daimler, Bosch und wie alle die heißen, die in den entsprechenden Rankings immer genannt werden. Frieden und Freiheit, so Teufel, seien aber nicht nur etwas, wofür es sich zu kämpfen lohne, sondern sie seien gleichzeitig auch der Lohn für diesen Einsatz. Und nicht zu vergessen: Frieden und Freiheit seien auch die Voraussetzung dafür, den eigenen Glauben leben zu können.

Auch der Einsatz für Europa ist für Teufel eine Christenpflicht

Schließlich Europa – eine Herzensangelegenheit für den ehemaligen Ministerpräsidenten, der es bedauert, dass sich heutzutage keiner mehr traut, von den Vereinigten Staaten von Europa zu sprechen, einem Begriff, den übrigens erstmals schon 1946 ausgerechnet der englische Premier Winston Churchill geprägt habe. „Europa macht die Nationalstaaten nicht überflüssig, aber es ist ein unheimlicher Fortschritt, dass es zur Europäischen Union gekommen ist“, sagte Erwin Teufel, für den Europa nicht in erster Linie eine Wirtschaftsgemeinschaft, sondern eine Friedensgemeinschaft ist. Umso bedauerlicher sei es, dass in der öffentlichen Diskussion bestenfalls noch eine 50:50-Pro-und-Contra-Stimmung herrsche, wenn es um europäische Fragen und Werte gehe. „Auch dazu, dass sich das wieder ändert, müssen Christen ihren Beitrag leisten“, meinte Teufel und warnte, Europa dürfe sich, wenn es um globale Herausforderungen gehe, „nicht isolieren, sondern muss sich einbinden lassen“.

Es gebe also, sagte der Festredner, über Konfessionsgrenzen hinweg viele gemeinsame Aufgaben und Zielsetzungen, die der gemeinsamen Übereinstimmung und Überzeugung bedürften. Womit sich – auch dem langanhaltenden Beifall nach zu schließen – bestätigt haben dürfte, was Juliane Baur eingangs gesagt hatte: dass sich eine bewusste Besinnung auf den Reformationstag nicht zwingend aufs Nachdenken darüber, was wichtige reformatorische Gedanken waren, beschränken muss, sondern dass es an so einem Tag durchaus sinnvoll sein kann, sich darüber Gedanken zu machen, welche Bedeutung prägende geistige und geistliche Werte in der heutigen Zeit, da oft der Verlust christlicher Werte beklagt werde, überhaupt noch haben. Viele, so die Dekanin, befürchteten diesen Verlust angesichts offener Grenzen, während andere die christlichen Werte gerade dann auf der Kippe sähen, wenn geschlossene Grenzen und eine Politik der Abschottung gefordert würden.

©️ Schondorfer Nachrichten; Foto: Benjamin Büttner

 

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