Eine Stadt im lässigen Kunstrausch

An dieser neuen Gastlichkeit hat seit einiger Zeit auch die ehrwürdige Stadtkirche aktiven Anteil. Dafür stand bei der Kunstnacht die Performance „Flow - Infinity of Movements“, in der Musiker, eine Vokalistin und Tänzerin einen faszinierenden Klang- und Bildersog erzeugten.

Schorndorf. Vom Stadtzentrum der alten Kirche bis hin in alle Himmelsrichtungen zu den Rändern der Stadt und darüber hinaus zogen zu sommerabendlichen Temperaturen bei der Kunstnacht Tausende Bummler bis spät in die Nacht durch die Gassen und strömten in die Museen, Galerien und offenen Ateliers. Sicher ein Höhepunkt der Nacht war die imposante Video-Klanginstallation von Julia Voit im Schlosspark, die viele Hunderte Besucher in ihren Bann zog.

 Hinter drei großen Bullaugen ziehen mächtige Wasserströme. Immer mal wieder schwimmt ein mitgerissenes Einfamilienhäuschen vorbei. Wir befinden uns in Katharina Wibmers Ausstellung in der Q-Galerie: „Raum im Fluss“. Hier wurde die nun 18. Schorndorfer Kunstnacht eröffnet.

 Und einen, na sagen wir, besinnlicheren Ort zum Auftakt der Kunstnacht hätte es einen Tag nach den weltweiten Klimaprotesten und dem prima „Klimapaket“ der Bundesregierung gar nicht geben können. Mit ihren eindrucksvollen Video-Installationen hat Katharina Wibmer einen virtuellen Kunstraum geschaffen, der die zukünftige Realität nur um einige Jahrzehnte vorwegzunehmen scheint. Die Atmosphäre ihrer bedrängenden Wasserwelten wird man aber als womöglich nicht mehr einzudämmende flüssige Schrift an der Wand bezeichnen müssen, deren Botschaft aber heißt: „Land unter!“

 Die Kunstnacht ist inzwischen zu einem heiteren Volksfest geworden

 Vorläufig aber spielt sich das pralle Leben noch oberhalb des Hochwassers mit einer unübersehbaren Bilderflut ab. So auch bei der Kunstnacht mit ihren über 170 beteiligten Künstlerinnen und Künstlern, lokal und regional, die an 59 Stationen in der ganzen Stadt Kunst- und Kunsthandwerk ausstellten, Musik machten, Performances abhielten, Theater spielten oder Geschichten

 Die Schorndorfer Kunstnacht hat inzwischen an Attraktivität auch weit über die Szene der Kunstkenner und -freunde hinaus gewonnen. Man sah an diesem Abend ein buntes Publikum, das sonst eher nicht bei Kunstevents zu sehen ist, sich aber neugierig und offen auf die Suche nach Kunsterlebnissen begab und Einlass in sonst wenig zugängliche Locations begehrte.

Das mag dieses Jahr sicher auch mit dem Schub der Remstal-Gartenschau zu tun haben. Ist aber auch ein Erfolg der Organisatoren und vielen lokalen Künstler im Kunstverein und Kulturforum: In Schorndorf ist die Kunstnacht inzwischen zu einem Volksfest geworden, das in einen lässigen Kunstrausch zu versetzen vermag.

 An dieser neuen Gastlichkeit hat seit einiger Zeit auch die ehrwürdige Stadtkirche aktiven Anteil. Dafür stand bei der Kunstnacht die Performance „Flow - Infinity of Movements“, in der Musiker, eine Vokalistin und Tänzerin einen faszinierenden Klang- und Bildersog erzeugten. Umgeben von zehn Ventilatoren spielte die Tänzerin mit wehenden Tüchern, die sich wie Flammen-Flügel in die Luft hoben zu einer Musik, die den Geist als weltumspannende Kraft beschwor. Auch wenn zum Flirren und Flattern der Stoffe ein Stromanschluss nötig ist.

Dass man bei so einer Kunstnacht „nicht alles sehen kann“, darauf wies Bärbel Roenick-Stegmüller vorsorglich schon in ihrem Grußwort hin. Allem wird man unmöglich gerecht werden. Umso spannender, wenn sich beim Durchrennen, kurz Blicken oder länger Betrachten dann so etwas wie eine Konstellation, gar ein Thema ergibt, das den Rundgang zu einem bleibenden - für jeden sicher anderen - Eindruck verbindet.

 Dazu gehörten im wimmelnden Schock-Areal die Fotografien, die Sylvia Friedt und Beate Walter unter dem Titel „Wer stahl mir meine Seele?“ oder „Stadtbild im Wandel der Zeit“ von den von aller Arbeit verlassenen Räumen in der alten Lederfabrik Breuninger gemacht haben, die nun kurz vor ihrem Abriss steht. Das sind gerade in ihrer formalen Nüchternheit melancholisch stimmende Aufnahmen von Stadtbild-Verlusten. Zu bewundern war auch, wie künstlerisch herausragend gerade auch Dokumentationen sein können.

 Ähnlich faszinierend die Infrarotaufnahmen von Schorndorfer Gartenschauplätzen, die Ralf Tossenberger bei „Feuer und Flamme“ ausstellte. Durch das Infrarot findet sozusagen eine Inversion des Lebendigen statt. Chlorophyll, also Bäume und Gras, wirkt schlohweiß. Das hat etwas von Winterbildern, aber auch Gespenstisches, als ob die Natur sich nur noch als beinernes Gerippe zur Landschaft fügt. Und die Daimlers von Ottmar Hörl, sie erscheinen unter diesem Licht wie ein Heer von ratlos irrenden Zombies aus der fossilen Vergangenheit, die ihre Heimat verloren haben.

 Werden wir zu katastrophenlastig? Nun, der blühenden, heiter beglückenden Gartenschau kann kurz vor ihrem Ende ein kritisches Nach-Fragen nur guttun. So bleiben wir denn auch gebannt vor den Täfelchen stehen, die Martha Ehrlich als Gast in Christoph Traubs Atelier im Röhm zeigte. Mit hinterhältig witziger Akkuratesse hat sie eine Serie mit „Rettungsschwimmer-Gesten“ geschaffen. Man sieht da ein Männchen mit Körperwindungen ähnlich den von Stewardessen bei Flügen, wenn sie auf den Fall des Wasserns vorbereiten. Slapstickhafte Verrenkungen, die den Verkehr auch bei Hochwasser regeln sollen.

 Zum Schluss doch noch eine Idylle. Im Garten von Renate Busses neuem Atelier in der ehemaligen Muff’schen Flaschnerei. Die Eigentümer, Familie Landmesser, haben den Garten zusammen mit der Künstlerin zu einem illuminierten Kleinod mit Nischen aus Bänken und Still-Leben verwandelt. Ein Friedensbild wie der Sitz von Philemon und Baucis in Goethes Faust II, bevor der Technokrat Faust es mit Hilfe Mephistos wegen Landgewinnung fluten lässt.

 Eine strahlende Kunstnacht voller Augenlust, mit Witz und Weltbezug.

©️ Schondorfer Nachrichten; Foto: Alexandra Palmiz

 

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