Begegnung auf Augenhöhe

Schorndorfer Nachrichten,12.7.2019. Stadtkirchengemeinde will ein Gehörlosenprojekt in ihrer kenianischen Partnergemeinde in Kitale unterstützen

Schorndorf. Sie wollen voneinander lernen, Grenzen überwinden und sich in ihrem Christsein bereichern. Vor allem aber möchten sie sich auf Augenhöhe begegnen: 2015 haben die evangelische Stadtkirchengemeinde und die anglikanische Gemeinde St. Luke’s in Kitale/Kenia einen Partnerschaftsvertrag unterzeichnet; es folgte Besuch auf Gegenbesuch. Jetzt ist, wie vertraglich vereinbart, das erste Projekt auf den Weg gebracht – zur Stärkung von Gehörlosen, die in Afrika oft stigmatisiert sind.

Gehörlose sind nicht nur ausgegrenzt, Gehörlosigkeit kommt in Kenia einer gesellschaftlichen Katastrophe gleich: In einer Behinderung wird ein Fluch, ja eine Strafe Gottes gesehen und eine Schande für die ganze Familie. Dabei ist der Anteil gehörloser Menschen überdurchschnittlich hoch: Sind weltweit im Schnitt fünf Prozent der Bevölkerung betroffen, sind es in Afrika acht von 100. Umso beeindruckender, dass sich die anglikanische Gemeinde St. Luke’s in Kitale auf die Fahnen geschrieben hat, Gehörlose zu stärken: Mit Reverend Edwin Masai gibt es dort nicht nur einen gehörlosen Pfarrer, sondern mittlerweile 40 gehörlose Gemeindeglieder. Dieses Projekt zu unterstützen, das ist der Stadtkirchengemeinde ein Anliegen – und es entspricht genau den Vereinbarungen des Partnerschaftsvertrags, den Pfarrerin Dorothee Eisrich vor vier Jahren unterzeichnet hat.

Ohne soziales Netz: Stärkung gehörloser Menschen

Dort ist unter Punkt 2 c) als Ziel der Partnerschaft vereinbart: „Gemeinsame Projekte realisieren zum Aufbau nachhaltiger Strukturen“. Und so haben die Schorndorfer zugesagt, Spenden zu sammeln für das „Deaf Empowerment Project“, das gehörlose Menschen in Kitale auch psychisch aufbauen soll. Gelingen soll das mit Gebärdensprachkursen, Kursen in ökologischer Landwirtschaft und Berufsausbildung im handwerklichen Bereich. Gehörlosen Menschen, sagt Helmut Hess, bis Ende 2018 Vorsitzender des Schorndorfer Partnerschaftsausschusses, viele Jahre als Afrika-Experte für „Brot für die Welt“ tätig und Initiator der Partnerschaft, sollen eine Starthilfe bekommen, um auf eigenen Füßen zu stehen. Entwickelt hat das Projekt aber die Gehörlosengruppe aus der Kirchengemeinde in Kitale. Die Gemeinde, sagt Hans Kistner als neuer Vorsitzender des Partnerschaftsausschusses, ist sich bewusst, dass sie für die, die am Rand stehen, etwas tun muss. Ein soziales Netz, wie wir es in Deutschland kennen, gibt es in Kenia nicht. Auch darum sind die Schorndorfer bereit, zu helfen: Sie wollen insgesamt 9000 Euro Spenden sammeln. Und nicht zum ersten Mal: Eine Spende aus Schorndorf in Höhe von rund 3000 Euro hat in Kitale bereits den Bau einer neuen Kirche vorangetrieben.

Dass aus der Partnerschaft in der Zwischenzeit Freundschaft geworden ist, findet Dorothee Eisrich „herzerwärmend“. Immer wieder erreichen sie WhatsApp-Nachrichten aus Kitale – „mitten am Tag“. Bei ihrer Afrika-Reise im April, auf der sie von Hans Kistner, Petra Fritz von der Kirchenpflege, Kathrin Feser und Rainer Hilt, dem Leiter des Berufsbildungswerks der Paulinenpflege, begleitet wurde, bekam sie ein Holzschiff überreicht – mit den Worten „We’re sailing in deeper water“ (Wir segeln in tieferem Wasser).

Für die Schorndorfer ist die Partnerschaft von gegenseitigem Lernen geprägt und mit einer enormen Horizonterweiterung verbunden. „Diese Mentalität tut uns Europäern gut“, sagt Dorothee Eisrich und ist begeistert von der Spiritualität und Lebensfreude, von der Kraft von Gemeinschaft, dem Humor der Menschen in Kitale und dem Wert, den Gastfreundschaft dort hat.

Um so klarer tritt für sie vor Augen, wie skandalös die ungleichen Lebensverhältnisse sind. Und nicht nur wegen der unseligen Kolonialgeschichte, sondern wegen aktueller politischer Entscheidungen. Für Eisrich ist offensichtlich, dass wir uns mit unserem unersättlichen Lebensstil in einer Sackgasse befinden. Auch Hans Kistner ist überzeugt: „Wir leben nicht nur auf Kosten der nachfolgenden Generation, sondern der Menschen in Afrika.“ Denen, das ist auch in Kitale sichtbar, vom Klimawandel die Lebensgrundlage entzogen wird. Zum dritten Mal ist dort – an der Grenze zu einem Trockengebiet – die Ernte ausgeblieben. Dass die Europäer Verantwortung für Afrika übernehmen müssen, das liegt für Helmut Hess auf der Hand – und er verweist darauf, dass auch Schorndorf Ende 2018 die Resolution der Agenda 2030 für nachhaltige Entwicklung des Deutschen Städtetags und des Rats der Gemeinden und Regionen unterzeichnet hat. Mit der in Afrika herrschenden Wasserknappheit konfrontiert zu sein – „das ist bedrückend“, sagt Eisrich und erzählt von Petra Fritz, die sich in ihrer Gastfamilie nicht getraut hat, einen Kochtopf mit Wasser zu füllen, für die Spaghetti, die sie mitgebracht hatte. „Es ist schrecklich, die verendeten Tiere zu sehen und die Menschen, die nach Wasser suchen.“ Für Eisrich ist klar: „Das ist kein Schicksal, das ist menschengemacht.“

Umso beeindruckender ist für die Schorndorfer, in Kitale „eine ganz lebendige Gemeinde“ zu erleben, mit einem hohen Grad an Spiritualität und Fröhlichkeit. „Die Gelassenheit und das Vertrauen, dass sich alles zum Besseren wenden wird“, imponiert Kistner. Und Dorothee Eisrich beobachtet in Kitale einen hohen Willen und die Fähigkeit, das Leben zu meistern, aber auch Dankbarkeit für die Unterstützung.

Info

Zur Unterstützung des Gehörlosenprojekts der Kirchengemeinde in Kitale hat die Stadtkirchengemeinde bei der Kreissparkasse Waiblingen ein Spendenkonto eingerichtet: Empfängerin ist die Evangelische Kirchenpflege, IBAN: DE74 6025 0010 0005 3819 37.

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