Homosexualität ist keine Sünde

Schorndorfer Nachrichten, 2018-10-13: .. sagt Dekanin Dr. Juliane Baur / Tiefe Meinungsverschiedenheiten um Bibelverständnis und Bibelauslegung

. „Gott liebt die Sünder, aber er hasst die Sünde“: Diesen vermeintliche wohlmeinenden Trost hat die betroffene und tief getroffene 22-Jährige nach ihrem Ausschluss aus dem Gottesdienst-Team immer wieder zu hören bekommen. Nur: Welche Sünde? „Bei Homosexualität geht es nicht um Sünde“, hat Dekanin Dr. Baur in ihrem Vortrag innerhalb der Veranstaltungsreihe „Wenn Liebe anders ist ...“ unmissverständlich deutlich gemacht.

Und noch etwas war der Dekanin wichtig: „Auch dann, wenn man jedes homosexuell orientierte Verhalten als sündig bezeichnen würde, dürfte sich niemand anmaßen, sich an dieser Stelle über Mitmenschen zu erheben.“ Entscheidend sei nicht, welche Sexualität, sondern wie die eigene Sexualität gelebt wird. Und deshalb, so die Dekanin, sei sowohl im Umgang mit der eigenen Sexualität als auch mit dem Blick von außen „die Hauptfrage allein diejenige: Hält mein eigenes Verhalten dem Kriterium des Geistes der Liebe stand.“ Anschließend hatte Pfarrer Thomas Oesterle an diesem zweiten der insgesamt drei Abende das Thema Homosexualität einer humanwissenschaftlichen Betrachtung unterzogen und als schlichtes Fazit festgehalten, dass Homosexualität nichts mit Verführung, übersättigter Sexualität oder degenerierten Erbanlagen zu tun hat, sondern dass sie etwas ist, wofür ein Mensch nichts kann – und wofür er demzufolge auch nicht ethisch und moralisch verurteil werden kann. Im Gegenteil, so Oesterle, verdiene Homosexualität einen bewussten Minderheitenschutz: „Beispiele für einen schlechten Umgang mit Minderheiten gibt es in der deutschen Geschichte zur Genüge.“

Am ersten Abend – Moderator war jeweils Krankenhauspfarrer Hans Gerstetter – hatten die beiden Pfarrer Thomas Fuchsloch (Versöhnungskirche) und Steffen Kläger-Lißmann (Stadtkirche) anhand einiger ausgewählter Bibelzitate aus dem Alten und Neuen Testament ihre gänzlich unterschiedlichen Positionen zum Thema „Bibelauslegung und Bibelverständnis“ gegenübergestellt. „Die Heilige Schrift ist für mich die Offenbarung, auf die ich ordiniert wurde“, sagte Thomas Fuchsloch, der jedwede Relativierung biblischer Zitate oder Interpretation unter Berücksichtigung einer veränderten Lebenswirklichkeit oder gar einer Orientierungslosigkeit, die aus seiner Sicht viel mit Werteverlusten und einer veränderten Medienkultur zu tun hat, feststellte, dass es keine einzige Bibelstelle gebe, „die Homosexualität in eine positive Beziehung zu Gott setzt“. Was aus Sicht von Fuchsloch, der sich dabei auch auf eine Orientierungshilfe der EKD aus dem Jahre 1996 und auf Mehrheitsmeinungen in anderen Religionen berief, nichts anderes heißen kann, als „dass Homosexualität nicht dem Willen Gottes entspricht“.

Beim Geld hört die Konsequenz auf

Ganz anders der hermeneutische Ansatz von Steffen Kläger-Lißmann, der, ausgehend von dem Bibelzitat „Der Buchstabe tötet, aber der Geist macht lebendig“, darlegte, dass Bibelzitate, die in einer bestimmten historischen Situation entstanden sind, nicht eins zu eins auf die heutige Zeit übertragen werden können, sondern in jedem Einzelfall interpretiert und ausgelegt und und auf ihre Relevanz hin überprüft werden müssten. Apropos Relevanz: Davon abgesehen, dass die damalige Gesellschaft von einer homosexuellen Orientierung des Menschen nichts gewusst habe und dass sie teilweise mit der vor allem im hellenischen Raum verbreiteten Form der Knabenliebe gleichgesetzt worden sei, gebe es nur ganz wenige Bibelzitate, die dezidiert auf Homosexualität („Den Begriff kennt die Bibel gar nicht“) bezogen werden könnten. Und keinesfalls könnten diese wenigen Stellen auf die Akzeptanz beziehungsweise Ablehnung gleichgeschlechtlicher Liebe angewandt werden, sagte Kläger-Lißmann und gab zu bedenken, dass es sehr viel mehr Bibelstellen zu anderen Themen gebe, die auch von konservativen Kreisen längst nicht mehr wörtlich genommen würden. Der Pfarrer nannte in diesem Zusammenhang die Stichworte „Geld“ und „Zinsen“ und schloss mit einer biblischen Empfehlung: „Nehmet einander an, wie Christus euch angenommen hat zu Gottes Lob.“

„Ich wollte nicht Archivar werden“

Um alle bis dahin aufgeworfenen Fragen ging es auch noch einmal an im oben genanten Eklat gipfelnden Abschlussabend, an dem Pfarrerin Margarete Oesterle, die Mitglied in der Pfarrervertretung ist, deutlich machte, dass die sexuelle Orientierung weder bei der Übernahme einer Pfarrerin oder eines Pfarrers eine Rolle spielt, noch ein Hinderungsgrund für eine Kandidatur für den Kirchengemeinderat sein darf. Sehr wohl anscheinend aber für eine 22-Jährige, die nichts anderes will, als ihren Glauben zu leben und zu verkünden.

Aufgehängt nicht zuletzt an der Frage, warum die württembergische Landeskirche als einzige Landeskirche in Deutschland noch die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ablehnt – Gott sei Dank tut sie das, sagten einige im Martin-Luther-Haus –konzentrierte sich die Diskussion im weiteren Verlauf noch einmal auf die Frage, wie sehr sich Kirche an den Zeitgeist anpassen darf – oder vielleicht sogar muss. „Das Evangelium ist doch keine tote Materie, die nicht auf das reagiert, was die Menschen an sie herantragen“, meinte Pauluskirchen-Pfarrer Thomas Oesterle, aus dessen Sicht nicht etwas gegen Gottes Wille sein kann, wenn es in der Biologie eines Menschen angelegt ist. „Eine gute Theologie muss auch aus der Bibel heraus auf die Fragen der Zeit antworten können“, ist die Überzeugung von Oesterle, der bekannte: „Ich habe eine Ausbildung zum Pfarrer und nicht zum Archivar gemacht.“ Und warum, so seine rhetorische Frage ins Publikum, sollte die Bibel für jede neue Generation lesenswert sein, „wenn irgendwann der Deckel drauf gemacht wird“. „An der Interpretation der Bibel arbeiten sich die Menschen seit 2000 Jahren ab“, sage Oesterle. Ähnlich die Einschätzung von Oesterles Kollegen Steffen Kläger-Lißmann, der noch ein Beispiel nannte, warum es gut ist, wenn die Bibel nicht mehr so gelesen und verstanden wird wie in ihrer Entstehungszeit. „Dann hätten wir heute noch keine Gleichberechtigung von Mann und Frau – Gott sei Dank hat sich da der Zeitgeist durchgesetzt“, sagte der Stadtkirchen-Pfarrer, der aber gleichzeitig daran erinnerte, dass die Homosexualität nicht das erste Thema wäre, bei dem die Durchsetzung der Menschenwürde gegen die Kirche erkämpft würde.
Niemand sollte Angst haben

Es hätte vielleicht alles noch halbwegs gut werden können, wenn Thomas Fuchsloch in seinem Schlusswort nicht zu einem Rundumschlag gegen Schwule und Lesben ausgeholt, sondern stattdessen auf die Aufforderung von Steffen Kläger-Lißmann eingegangen wäre, trotz ganz unterschiedlicher Auffassungen weiterhin miteinander zu reden – und vor allem Lust darauf zu haben, nicht immer nur mit Gleichgesinnten zu reden. „Dass wir es schaffen, uns gegenseitig auszuhalten, das ist jetzt ein bisschen gekippt“, bedauerte nach der Fuchslochschen Verbalattacke und den Reaktionen, die sie ausgelöst hatte, Dekanin Baur, die mit der Veranstaltungsreihe eigentlich die Hoffnung verbunden hatte, dass den Menschen die Angst genommen wird. Und zwar sowohl den „Betroffenen“, die es oft schon schwer genug hätten, zu ihrer eigenen Homosexualität zu stehen, als auch denen, die befürchten, es werde ihnen etwas von ihrem Glauben genommen, „wenn sie an diesem Punkt andocken“. „Es fällt nichts weg, wenn Homosexualität nicht mehr als Sünde gesehen wird“, betonte die Dekanin, wohl wissend, dass es nach dem bitteren Ende schwieriger wird, auf dem Weg weiterzumachen, der mit der Veranstaltungsreihe eingeschlagen werden sollte. Beschrieben worden war der im Ankündigungstext so: „Es ist uns als Pfarrerinnen und Pfarrer ein Anliegen, dass wir bei aller Unterschiedlichkeit unsere Gemeinschaft im Dienst am Evangelium aufrechterhalten wollen.“

 

 

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