So spannend ist die Stadtkirche

Schorndorfer Nachrichten, 2018-08-18: Interessante und unterhaltsame Sommertour der Schorndorfer Nachrichten mit dem ehemaligen Dekan Waldemar Junt

Schorndorf. Ein Füllhorn an historischen Fakten und spannenden Geschichten hat der ehemalige Dekan Waldemar Junt über die rund 40 Teilnehmer an der Stadtkirchen-Sommertour der Schorndorfer Nachrichten ausgegossen. Und wer nach rund eineinhalb Stunden unterhaltsam dargebotener geballter Information noch aufnahmefähig und bei ausreichenden Kräften war, der wurde für sein Durchhaltevermögen mit dem Aufstieg auf den Kirchturm belohnt.

Wie kommt es zur Gedenkinschrift für die 1477 – also in dem Jahr, als mit dem Bau der Pfarrkirche begonnen wurde – verstorbene Elisabeth Schreinerin (Elizabeth Schrinerin) auf einem Steinquader auf der Westseite der Stadtkirche? Sie hat mit der Stiftung des Sakramentenhauses einen wesentlichen Grundstein für den Bau der Kirche gelegt. Wer ist der über dem Tor auf der Nordseite dargestellte Mann in der Kleidung eines Steinmetzes und warum wird er von einem Fabelwesen angefallen? Der Mann ist der Kirchenbaumeister Aberlin Jörg, und mit der Darstellung des Fabelwesens haben seine Mitarbeiter daran erinnert, dass er vor Fertigstellung der Kirche von einer dämonischen Krankheit – Muskelschwund oder Pest - dahingerafft worden ist? Und wie kommt es, dass trotz Kirchen- und Bildersturm auf einem Sockel ebenfalls auf der Nordseite eine Maria thront? Weil sich der damalige Dekan Waldemar Junt 1994 persönlich dafür eingesetzt hat, dass auf den leeren Sockel wieder eine Maria kommt, was, wie Junt schmunzelnd erzählt, bei einem evangelischen Dekan nicht alle verstanden und gut gefunden haben. Was wiederum Junt nur bedingt nachvollziehen konnte: Schließlich war die Jungfrau Maria auch bei Luther hochgeschätzt. Und dann ist da noch die Geschichte mit der Sonnenuhr, die zusätzlich zur mechanischen Uhr den Turm der Stadtkirche seit deren Wiederaufbau nach dem großen Stadtbrand (also seit etwa 1660 an) ziert. Und warum? Weil die mechanische Uhr immer so „grottenfalsch“ ging, dass sie ständig nach der Sonnenuhr nachjustiert werden musste.


Wie der Missionar Christaller zu seinen zwei Frauen kam

Was beim Rundgang um die Kirche so spannend anfängt, setzt sich im Innern der Stadtkirche fort. Die Zeitleiste, auf der die Entwicklung der Stadtkirche über die Jahrhunderte hinweg skizziert ist, nimmt Waldemar Junt zum Anlass, sich besonders mit Barbara Künkelin, deren enger Kirchenbezug und deren Großzügigkeit bei ihrer Betrachtung oft vergessen würden, und mit dem in Winnenden geboren und später in Schorndorf lebenden Missionar Johann Gottlieb Christaller zu beschäftigen, der, wie auch seine eher unscheinbare Grabstätte auf dem Alten Friedhof zeige, in Schorndorf und in Württemberg nie die Wertschätzung erfahren habe wie etwa in Ghana, wo er als Nicht-Akademiker dem Volk durch seine wissenschaftlichen Arbeiten und Übersetzungen zu einer zweiten Amtssprache neben Englisch verholfen hat, oder auch bei den Franzosen. Bei aller Tragik – weil seine erste Frau schon nach einem Jahr starb – doch auch unterhaltsam die Geschichte, wie’s dazu kam, dass Christaller nacheinander die beiden Töchter des Waiblinger Stadtschreibers Ziegler geheiratet hat. Zurück zu Barbara Künkelin, die nicht nur der Stadtkirche eine silberne Abendmahlskanne mit der Inschrift „In den Armen meines Erlösers möchte ich leben und sterben“ vermacht hat, die auch heutzutage noch regelmäßig in Gebrauch ist und die die Teilnehmer der Sommertour aus nächster Nähe bewundern durften, sondern auch über eine 1000-Gulden-Stiftung für das evangelisch-theologische Stift in Tübingen sichergestellt hat, dass ständig mindestens zwei junge Männer aus dem Remstal in Tübingen studieren konnten. Was fast 200 Jahre lang funktioniert hat – so lange halt, bis alles Geld im Zuge der großen Inflation im Jahre 1923 nichts mehr wert war.


Die Wurzel Jesse und das Zufallsprinzip

Nächste Station: Marienkapelle – und die mindestens ebenso ärgerliche wie seltsame Geschichte, warum die 27 abschraubbaren Deckenfiguren des Deckenkunstwerks „Die Wurzel Jesse“, zu dem es sogar Unterlagen in einem kirchenhistorischen Archiv in Wien gibt, nicht mehr in ihrer biologisch richtigen Reihenfolge angebracht sind. Weil, so die einfache Erklärung, sie im Zusammenhang mit Restaurierungsarbeiten abgenommen und anschließend in einer völlig willkürlichen Anordnung wieder angebracht worden sind – wenn man davon absieht, dass der Stammvater Isaak immer noch den Ausgangspunkt bildet. Bei so viel Willkür und Zufallsprinzip spielt’s dann auch schon fast keine Rolle mehr, dass sich auch noch der damalige Bauherr und der von ihm beauftragte Steinmetz unter all den Figuren ein Denkmal gesetzt haben. Dass diese Figuren nicht den Bilderstürmern in die Hände und zum Opfer gefallen sind, hat laut Waldemar Junt schlichtweg damit zu tun, dass die Kapelle kurz vor der Reformation zur Sakristei umfunktioniert wurde und dass deshalb eine die Kunstwerke versteckende Decke eingezogen und der geräumige Zugang weitgehend zugemauert wurde. Ein Zustand, der bis 1958 anhielt, erst dann wurde wieder eine Kapelle eingerichtet und wurde das Deckenkunstwerk wieder freigelegt.

Natürlich lohnt sich in der Stadtkirche immer auch ein Blick auf die Kirchenfenster – angefangen vom von der ehemaligen CVJM-Theaterspielgruppe gespendeten sogenannten Jedermann-Fenster mit dem dem Bild von Mose und dem brennenden Dornbusch über die von wohlhabenden Schorndorfern gestifteten Fenster mit den Junt zufolge eine Zeit lang zu süßlich und nicht mehr zeitgemäß erscheinenden biblischen Motiven bis hin zu den von Alfred Seidel gestalteten Fenster mit teilweise sehr aktuellen Bezügen – etwa mit der Darstellung von Flüchtlingen oder eines Atompilzes. Und wie’s zu der durch immer neue Ansprüche immer größer werdenden Spende der Chororgel – aus 70 000 wurden schließlich über 200 000 Mark – durch das Ehepaar Megerle gekommen ist, hat der Dekan zu guter Letzt auch noch erzählt.

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ALEXANDRA PALMIZI

 

 

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