Kurkonzert der Schwindelfreien

Schorndorfer Nachrichten, 2018-09-04: Turmblasen: Seit 120 Jahren pflegt der Posaunenchor des CVJM eine alte Schorndorfer Tradition

Schorndorf. Jeden Sonntag um Viertel vor acht und noch mal um kurz vor elf geht’s die 183 Stufen hinauf bis zur Turmstube und raus auf den Umgang. Dort wenden sich die Turmbläser der Stadtkirche in alle vier Himmelsrichtungen, um in der Wochenend-Stille eine mehr als 200 Jahre alte Tradition zu pflegen: Sie fühlen sich aufgerufen, Gottes Wort zu verbreiten – und in schwindelerregender Höhe auf ihren Trompeten und Posaunen zu spielen.

Der Aufstieg über die enge Sandsteintreppe im Turm, die Holz- und die Metallstufen ist mal mehr und mal weniger mühsam: Bei offenem Wetter, wissen die Turmbläser, geht’s leicht hinauf, bei hoher Luftfeuchtigkeit kommen nicht nur ungeübte Besucher ins Schnaufen. Doch für die Turmbläser gilt: Sie müssen die 183 Stufen mit ihren Instrumenten so hinaufsteigen, dass sie oben in der Turmstube nicht völlig außer Atem sind. Denn sobald das Acht- und das Elf-Uhr-Läuten verklungen und die Gruppe eingespielt ist, treten sie mit ihren Instrumenten hinaus auf den Umgang. Bei Dauerregen nicht, aber wenn’s nieselt schon und bis zu minus sieben Grad Celsius.
Altjahr-Abschied: Silvesterkracher statt Turmbläser

Doch Mühe ist für die Turmbläser kein Begriff. Sie fühlen sich als Teil einer Tradition, die in Schorndorf seit mindestens 1792 gepflegt wird – jedenfalls stammt aus diesem Jahr „Eyd und Gelöbnis der Thurmbläser“, das als Kopie im Turmaufgang aufgehängt ist. Als die Stadtkapelle den Dienst aus personellen Gründen nicht mehr bewerkstelligen konnte, erzählen die Musiker, hat der 1898 gegründete Posaunenchor des CVJM das Turmblasen jeden Sonntag um acht und um elf Uhr übernommen – und bisher 120 Jahre lang fortgeführt. Früher, als das Silvesterfeuerwerk in Schorndorf zehn Minuten und nicht eine ganze Stunde dauerte, haben sie sogar noch um Mitternacht das Altjahr musikalisch verabschiedet. Sie haben an Feiertagen gespielt und zur Mittagszeit, wenn Schorndorfer Honoratioren beerdigt wurden. Einst ging’s mit den Instrumenten sogar die Stufen hinauf, wenn Mitglieder der Bläsergruppe verstorben waren. Das ist heute personell und zeitlich nicht mehr zu schaffen, sagt Albrecht Burkhardt, Vorstandsmitglied des Posaunenchors. Aber an Heiligabend lassen sich’s die Männer nicht nehmen, am Mittag auf den Kirchturm hinaufzusteigen.

Und unten, auf den fast leer gefegten Plätzen und Gassen, steht ihr Publikum und legt den Kopf in den Nacken. Vereinzelt und in kleinen Gruppen. Stellenweise wird applaudiert, immer wieder gewunken. Manche warten schon in den umliegenden Häusern am Fenster. „Wir haben Stammhörer“, sagt Rolf Klostermann und weiß, dass eine Dame aus dem Fuchshof jeden Sonntagmorgen auf den Kirchplatz kommt, um den Turmbläsern um acht Uhr aus nächster Nähe zuhören zu können. Und viele lauschen nebenbei: Das Turmblasen nehmen manche Innenstadtbewohner als Weckerersatz am Sonntagmorgen – ob um acht oder um elf Uhr. Und natürlich gab es auch schon Beschwerden.

Doch die wurden bisher noch immer vom warmen, friedlichen Klang der Posaunen und Trompeten übertönt: In der ersten Runde wird das von der Landeskirche vorgegebene Wochenlied gespielt, den Elf-Uhr-Choral suchen sich die Turmbläser selbst aus für ihr Kurzkonzert in alle vier Himmelsrichtungen. Und viel länger als eine Viertelstunde dauert das Turmblasen nach Osten, Norden, Westen und Süden sowieso nicht.

Bei der Auswahl der Stücke orientieren sie sich am Kirchen- und am Kalenderjahr. Gerne wählen sie auch ältere Lieder aus: „Das macht uns nichts, wir sind traditionsbewusst“, sagt Rolf Klostermann, der mit seinen 81 Jahren der Älteste unter den Turmbläsern ist. Der Dienstälteste ist er nicht: Er hat erst vor 30 Jahren mit dem Posaunespielen angefangen.
In 50 Jahren bestimmt 2500-mal aufgestiegen

Da haben die anderen Turmbläser mehr Jahre zu bieten: Wolfgang Retter ist 63 und hatte seinen ersten Auftritt in luftiger Höhe mit zehn Jahren. Uwe Bremer spielt, seitdem er 14 ist, alle zwei Wochen auf dem Turmumgang der Stadtkirche. Auch von den anderen sind viele seit mindestens 50 Jahren dabei und bestimmt schon 2500-mal zum Musizieren aufgestiegen. Den Rekord, sind sich die Turmbläser aber einig, hält bisher Emmanuel Retter. Bis vor vier Jahren war er aktiv und hat nicht nur seinen Sohn zum Turmblasen gebracht, sondern auch Uwe Bremer. Und die Jungen aus dem Posaunenchor fühlen sich bis heute aufgerufen. Tim-Manuel Hettinger ist 15, hat das Amt von seinem Bruder übernommen und steht dafür alle zwei Wochen am Sonntagmorgen in aller Frühe auf: Er will Teil der Tradition sein und genießt die sonntägliche Stimmung über den Dächern der Stadt. Der Jüngste aber ist Jonathan Bieler: Er wollte mit seinen zehn Jahren unbedingt zu den Schorndorfer Turmbläsern gehören.

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: Pienek

 

 

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