Als die Reformation durchs Stadttor kam

Schorndorfer Nachrichten, 2017-05-20: / Sonderausstellung im Stadtmuseum beschäftigt sich auf vielfältige Art mit dem großen Umbruch nach Luthers Thesenanschlag

Schorndorf. Möchten Sie mit dem ersten evangelischen Pfarrer in Schorndorf telefonieren? Zugegeben, es wäre ein einseitiges Gespräch, denn Balthasar Himmelberger hält einen Monolog. Acht Hörstationen stehen für die neue Ausstellung „Aufbruch in eine neue Welt – Schorndorf im Zeitalter der Reformation“ im Stadtmuseum. Auch eine Marktfrau äußert sich zur „Reformation von oben“, die in die spätere Daimlerstadt kam. Einblicke in die Hölle bietet die Präsentation ebenfalls – und einiges zum Nachdenken. Spannend.

1534 kam die Reformation nach Schorndorf. Sie stapfte auf zwei Füßen daher und kam von oben. Der unbeliebte Herzog Ulrich von Württemberg kehrte nach seiner Verbannung in diesem Jahr aus seinem Exil zurück. Im Gepäck hatte er, auch aus purem Machtkalkül, die Reformation, die nun in Württemberg eingeführt werden sollte. Und so betrat Erhard Schnepf 1534 Schorndorfer Boden. Der lutherische Theologe und bedeutende Reformator hatte die Aufgabe, unter anderem die wohlhabende Handelsstadt im Remstal umzukrempeln, den Willen des Landesherren bekannt zu machen und mit Hilfe einer bereits schon damals ausgeprägten Bürokratie in der Oberamtsstadt durchzusetzen. Wie muss man sich das vorstellen? Welche Auswirkungen hatte das auf den Alltag der Menschen? Diese Fragen beantwortet die neue Ausstellung im Schorndorfer Stadtmuseum.

Sie greift dabei verschiedene Aspekte und Themengebiete auf und bindet auch die bisherige Dauerausstellung ein. Ein Zeitstrahl zeigt den Besuchern, was sich weltweit alles in dieser Epoche verändert, was sich in Schorndorf getan hat und wie die Reformation sich entwickelte. „Die Besucher sollen einen Gefühl dafür kriegen, was zu dieser Zeit alles in der Welt passierte“, sagt die wissenschaftliche Volontärin Adelheid Dörling. Verbindendes Element sind die orange-roten Infotafeln sowie gotische Bogen, wie man sie von zeitgenössischen Kirchen kennt. Über eines dieser Kirchenfenster erhält der Besucher einen Eindruck, wie sich Zeitzeugen damals die Hölle vorgestellt haben. Einfach ans rote Loch stellen und einen Blick wagen. Insgesamt setzt diese Ausstellungen auf Interaktion. Bei acht Hörstationen melden sich am anderen Ende der Leitung Zeitgenossen wie Barbara Schertlin. Der Schulmeister der Deutschen Schule, Christoph Ried, erklärt, wie der Unterricht in der Frühen Neuzeit ablief. Damit wollen sie, so Andrea Bergler, vor allem auch jüngere Leute ansprechen. Auf einer Tafel können Besucher schreiben, wie und ob die Kirche heute reformiert werden müsste und was Luther im 21. Jahrhundert sagen würde. Bei einer Runde durchs Museum hat die Museumsleiterin einiges zu berichten – unter anderem auch über den Ablasshandel. In Schorndorf.
Eine Spende für die Stadtkirche reduziert die Zeit im Fegefeuer

Wenige Jahre vor der Reformation wurde zwischen 1477 und 1511 die imposante Stadtkirche einer selbstbewussten Handelsstadt gebaut. Finanziert wurde das Großprojekt – wie damals üblich – unter anderem über einen päpstlichen Erlass: Die Schorndorfer konnten einen Ablassbrief kaufen. Die Sünden wurden einem deswegen nicht vergeben, aber für ein bisschen Geld und treuen Glauben wurden auch mal 100 Tage weniger im Fegefeuer versprochen. Ein zentraler Kritikpunkt Martin Luthers wird hier in Schorndorf verdeutlicht. Und so könnte man sich fast schon vorstellen, wie Luther den Hammer schwingt und seine Thesen ans Kirchenportal in Schorndorf nagelt, denn ein großes Kirchenbild hängt in den Räumen im Museum.
Die Schorndorfer Madonna verschwand beim Bildersturm

Dr. Andrea Bergler reitet kurz durch die Geschichte – allerdings nicht auf dem ausgestellten Palmesel. Man wisse viel über die Reaktion der Geistlichkeit auf die Reformation. Nicht nur baulich prägten kirchliche Einrichtungen die Stadt. Doch wie reagierten die Bürger? Darüber berichtet die Marktfrau. Der wichtigste Ort der Reformation in Schorndorf ist natürlich die Stadtkirche. Auch hier gab es einen Bildersturm, den viele Schorndorfer, nicht nur die Steinmetze, kritisch sahen. Bedeutende Skulpturen wie die Schorndorfer Madonna (heute in Unlingen) verschwanden.

Eine Bewegung der Schorndorfer, die Reformation einführen zu wollen, gab es nicht. Es war eine Reformation von oben, führt Andrea Bergler aus. Doch bereits vor 1534 habe es auch in Schorndorf Kritik an der Kirche und ihrer geistlichen Vertreter gegeben. Außerhalb der Geistlichkeit scheint es eine große Zustimmung zu diesen tiefgreifenden Umbrüchen gegeben zu haben. Einige Schorndorfer werden auch bestimmt nach Esslingen gegangen sein, um lutherische Predigten zu hören, weiß Bergler. Und da war ja noch der Buchdruck, der die Reformation schnell verbreitete. Diese hatte nicht nur Auswirkungen auf das religiöse Leben, die alltägliche Frömmigkeit, auch die Bildung veränderte sich. All diese Punkte greift die Ausstellung auf.

„Die Zeit um 1500 war in vielerlei Hinsicht eine Zeit des Umbruchs“, so Bergler. „Es passierte wirklich viel“, Stichwort Kolumbus. „Alte Gewissheiten änderten sich“, es „herrschte ein Gefühl der Unsicherheit“, erinnert sei an die Bauernkriege und den landesweiten Aufstand „Armer Konrad“. Das alles wird in der Sonderausstellung aufgegriffen.

Für ihr Team, so Bergler, sei es spannend gewesen, sich intensiver mit dieser Zeit zu beschäftigen. „Schorndorf wurde damals für viele Jahrhunderte als protestantische Stadt geprägt!“ Woher wissen sie das alles? Es gebe die Visitationsberichte des Erhard Schnepf, das Stadtarchiv und weitere Quellen. Das Team hat in historischen Archiven recherchiert. „Durch die Berichte von Chronisten werden wir über die Ereignisse in Schorndorf informiert“, so Dr. Andrea Bergler weiter. Einer von denen war David Wolleber aus Weiler.

Mit dem kann man nicht telefonieren. Aber mit vielen anderen. Ein Besuch lohnt nicht nur wegen dieser interessanten Schilderungen von Pfarrern und Marktfrauen. Es ist eine Begegnung mit der Geschichte vor der Haustür. Dr. Andrea Bergler: „Wir wollen ein lebendiges Bild des Lebens in Schorndorf um 1500 vermitteln.“

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: Benjamin Buettner

 

 

Impressum

Evangelische Stadtkirchengemeinde Schorndorf
Friedrich-Fischer-Strasse 4
73614 Schorndorf
  Telefon:(07181) 979619
     Fax: (07181) 979629
Pfarramt.Schorndorf.Stadtkirche-West[at]elkw.de

 


Evang. Kirchenpflege Schorndorf, Schlichtener Str. 21
Kreissparkasse Waiblingen
BIC    SOLADES1WBN
IBAN    DE74 6025 0010 0005 3819 37

 

 
Die Evangelische Stadtkirchengemeinde ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie wird vertreten durch den kirchengemeinderat, der wiederum durch die 1. Vorsitzende Pfarrerin Dorothee Eisrich oder den 2. Vorsitzenden Dieter Feser.Inhaltlich verantwortlich nach $5 Telemediengesetz (TMG) und §55 Staatsvertrag über Rundfunk und Telemedien (RSTtV): Geschäftsführende Pfarrerin Dorothee Eisrich. [Haftungsausschluss