Die Freiheit des Betrachters

Schorndorfer Nachrichten, 2017-04-03: In den Außennischen der Stadtkirche lädt Kunst – 500 Jahre nach der Reformation – zur Diskussion über heutige Thesen ein

Schorndorf. Bis zur Vernissage am Samstagabend hatte sich die Aufregung gelegt: Der nackte Mann, dessen Auftritt schon im Vorfeld durchgesickert war, entpuppte sich als harmloser Säulenheiliger, kaum vom Stein der Kirchenmauer zu unterscheiden. Viel lauter waren dafür Applaus und Zuspruch, die der Stadtkirchengemeinde für ihren Mut entgegenströmte, sich 500 Jahre nach der Reformation – an der Nahtstelle zwischen Kirche und Gesellschaft – mit Nischenkunst auf die Diskussion über heutige Thesen einzulassen.

Kirche fragt Kunst – und hat sich von Künstlerinnen und Künstlern aktuelle Thesen erhofft: Sie waren aufgefordert, erinnerte Projektmacherin Ursula Quast bei der Ausstellungseröffnung, „mit ihren Objekten einen Dialog zu eröffnen, der zur zeitbezogenen Auseinandersetzung mit reformatorischen Ereignissen, ihren gesamtgesellschaftlichen Folgen bis heute anregen soll“. In einem bundesweiten Wettbewerb kamen 100 Vorschläge zusammen. An einer Jury aus renommierten Kunstsachverständigen war es dann, in einem anonymisierten Verfahren 13 Werke für die freien Außennischen auszuwählen. Und während in der vollen Stadtkirche die Redner von den Chancen der inneren und äußeren Auseinandersetzung, vom Geist der Freiheit und der Bedeutung des Betrachters sprachen und die Musiker an Piano, Saxofon und Orgel mit fast unerhörten Klängen ihre eigenen Thesen entwickelten, fielen draußen die orangefarbenen Hüllen, die seit Wochen neugierig gemacht haben auf die Skulpturen. Bis November lassen diese dem Betrachter nun Zeit, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Und das, ist sich Pfarrerin Dorothee Eisrich sicher, wird immer wieder neu ausfallen.


Reformatorische Kirche: „Schorndorf – das ist Freiheit!“
Dort, wo der Bildersturm der Nachreformation leere Nischen hinterlassen hat, wird jetzt auf vielfältige Weise die Frage nach den Thesen beantwortet, die heute anzuschlagen wären, „um säkularer und kirchlicher Gemeinschaft zu der friedfertigen Offenheit zu verhelfen, die sie in einer vielfach herausfordernden Gegenwart braucht“, erläuterte Ursula Quast in ihrer Rede. Gemeinsam mit Pfarrerin Dorothee Eisrich, die in der Öffnung der Nischen auch die Idee der Bürgerkirche verwirklicht sieht, war sie eineinhalb Jahre lang Zweitaktmotor des Kunstprojekts, das Dr. Christiane Kohler-Weiß vom Evangelischen Oberkirchenrat jetzt in den höchsten Tönen lobte: Als Beauftragte für das Reformationsjubiläum sieht sie gerade in dieser künstlerischen Auseinandersetzung die Chance, „mit allen wachen Zeitgenossen ins Gespräch zu kommen“ – unabhängig von ihrer religiösen Verortung: Die schon von Luther beschworene (christliche) Freiheit – und Motto der evangelischen Landeskirche zum Jubiläumsjahr – nimmt sie als Chance zur Veränderung ernst und sieht in ihr den Wesenskern der reformatorischen Kirche. Der Geist der Freiheit, wünschte sich Dr. Christian Kohler-Weiß in ihrem Grußwort, soll um die Stadtkirche wehen – begleitet von der Erkenntnis landauf, landab: „Schorndorf, da ist Freiheit!“

Dr. Peter Schüz, Akademischer Rat am Lehrstuhl für Dogmatik, Religionsphilosophie und Ökumene an der Universität München, rückte schließlich den Betrachter ins Zentrum und macht ihn zum eigentlichen Akteur: In seiner Laudatio entwickelte der evangelische Theologe – ausgehend von Geschichte und Bedeutung des Bildersturms – die These, dass erst Kunst, die überrascht, Formen sprengt, Vertrautes in Frage stellt und Unerwartetes zum Erscheinen bringt, die Macht der Bilder und die Heiligkeit der Orte herausfordern kann. Die leeren Nischen haben für ihn tiefen Symbolcharakter – und sind Ausdruck des Muts, nach dem Bildersturm das religiöse Darstellungsproblem auszuhalten und in der Schwebe zu lassen: „Würde man leere Nischen wieder mit alten Bildern und Figuren füllen, würde man die guten Gründe für den Bildersturm negieren. Würde man die Nischen entfernen und die Leere beseitigen, würde man die tiefe Sehnsucht nach religiösen Darstellungsformen und das von ihr verursachte Bilderproblem vergessen machen.“ Wenn Kunst aber, führte Schüz weiter aus, an diesen leergelassenen Orten zu Gast sei, geschehe etwas Eigenartiges: „Die verwaisten Sockel und Nischen füllen sich, jedoch ohne dabei die vom Bildersturm hinterlassenen Spuren der Leere zu verwischen“. Damit ist Kunst für Schüz in der Lage, den Ort mit Leben zu füllen. Indem sie beides, Leere und Füllung gleichermaßen betont, „erzeugt sie eine produktive Spannung, die Bilderstürmer und Bilderverehrer zu Wort kommen lässt“.

Dieses unvorhersehbare Projekt auszuhalten und letztlich den Künstlern, das Wort, ohne Wenn und Aber, zu erteilen, wie Ursula Quast in ihrer Rede betonte, dazu hat die Stadtkirchengemeinde den Mut gefunden: „Kraftvolle Offenheit“, ist die Projektmacherin überzeugt, „kann viel bewirken“. Sie kann, so Quast weiter, vor allem den Weg frei machen für neue Perspektiven. Und genau darum geht es im Reformationsjahr auch für Pfarrerin Dorothee Eisrich, die sich stets aufs Neue fragt: „Erkennt man noch, was uns bewegt?“

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: G. Habermann

 

 

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