Getafelt wie zu Luthers Zeiten

Schorndorfer Nachrichten, 2017-02-13: Am Samstagabend gab es im Martin-Luther-Haus einen köstlich-kurzweiligen Abend für Leib und Seele

Schorndorf. Martin Luther war beileibe kein Asket. Das üppige Fünf-Gänge-Mahl, das am Samstag ihm zu Ehren aufgetischt wurde, wäre wohl ganz nach seinem Geschmack gewesen. Auch sonst kamen die Sinnesfreuden an dem Abend nicht zu kurz: mit Renaissance-Musik, höfischen Tänzen und einem Theater, bei dem der leibhaftige Luther manch muntere Tischrede schwang.

Gemeinsam mit seiner Frau Käthe und dem württembergischen Reformator Johannes Brenz führten sie die 120 Gäste mit heiter-nachdenklichen Dialogen durchs Programm. Die Männer, gekleidet in schwarze Talare, Barret auf dem Kopf, und die kesse Käthe mit Kleid und züchtiger Kopfbedeckung, beließen es aber nicht nur bei der Unterhaltung, sie lieferten sich auch ordentliche theologische Wortgefechte.
Es treten auf: Luther, seine Frau Käthe und Reformator Brenz

Dass die Württemberger gut lutherisch seien, daran bestehe kein Zweifel, so Brenz, überzeugend gespielt von Pfarrer Steffen Kläger-Lißman, der die Dialoge auch erarbeitete. „Oh, oh, das glaubt ihr bloß“, entgegnet Luther, gut verkörpert von Diakon Walter Krohmer. „Ein bisschen oberdeutsche Nüchternheit habt ihr schon abbekommen. Wenn ich nur an eure kargen Predigtgottesdienste denke. Dabei habe ich doch eine so schöne Deutsche Messe eingeführt.“ Doch Brenz lässt sich von den Worten des Reformators nicht beirren. „Bei uns gibt es die reine Predigt des Evangeliums – und sonst nichts.“

„Ihr lieben Männer“, unterbricht schließlich Käthe, kongenial gespielt von Susanne Kayser, „der Geist der Traurigkeit wird sich noch weiter ausbreiten, wenn ihr weiter so lange Reden schwingt.“ Die Gäste, sie warten schließlich auf das Mahl – und das soll ganz wie bei Luthers zu Hause ausfallen: üppig, deftig und schmackhaft.

Und so werden nacheinander aufgetischt: Brot mit Griebenschmalz und Gewürzwein, Brotsuppe nach Käthe von Boras Art, lauwarmes Heringsfilet mit Erbsenmus (eine Leibspeise Luthers), Schmorbraten vom Rind und Schwein in deftiger Biersoße mit Wurzelgemüse, Brotknödel und Mandelschmelze sowie als Dessert Apfel in Pfannkuchenteig mit Gewürzrahm. Wohl bekomms! Ausgewählt und gekocht haben das Fünf-Gänge-Menü Ute Ott und Susanne Mopils. Aufgetischt wird es von den freundlichen Schorndorfer Landfrauen, die sich in traditionellen Gewändern und bunten Häubchen präsentieren.

Eine Gabel, das soll nicht unerwähnt bleiben, bekommen die Gäste aber nicht, sie müssen sich mit Löffel und Messer begnügen. Immerhin, so ist man geneigt zu sagen. Denn zu Luthers Zeiten hätte es wahrscheinlich nicht einmal das gegeben. Um die Tischsitten war es vor 500 Jahren noch nicht so gut bestellt, gegessen wurde vornehmlich mit der Hand.

Da geht es am Samstagabend vergleichsweise höchst gesittet zu. Auch Bier und Wein fließen nur in Maßen. Und über all dem wacht, mit strengem Blick an der Wand des Saals, der echte Luther, dessen Ölgemälde – gemalt nach Lucas von Cranachs Porträt – den Reformator im Professorengewand zeigt.
Renaissance-Musik mit Flöten und Gambe von Banchieri bis Ortiz

Luther, ganz Sinnenmensch, hätte eine solche Tafel wohl gefallen. Denn „wer kein Brot und keine Suppe hat und auch kein sicheres Zuhause, der zweifelt bald an Gott und seiner Güte“, wie Krohmer treffend zitiert. Er hätte sie sich aber auch kaum ohne Musik vorstellen können, denn „die Musica ist der besten Künsten eine. Sie verjagt den Geist der Traurigkeit.“ Ein Flötenquartett und ein Gambist spielen darum mehrmals auf – mit Renaissance-Musik von Adriano Banchieri bis Diego Ortiz. Die in ihrer strengen Formalität bisweilen fast melancholisch anmutendende, europäisch-höfische Tanzmusik bietet einen guten Kontrast zu den deftigen deutschen Gerichten.

Das junge Flötenquartett – bestehend aus Emilia Schock, Annika Schiek, Laura Ott und Julius Dietrich – spielt die Stücke mit großer Anmut und harmoniert zumeist vortrefflich mit dem Gambenspiel von Rüdiger Kurz. Die Gäste belohnen sie mit lang anhaltendem Applaus, die fünf Musiker bedanken sich dafür mit einer Zugabe.

„Haben wir es gut! Speis und Trank und dann die Musica. Aber mein lieber Martin Luther – wie hälst du es denn mit dem Tanz?“, möchte Johannes Brenz (alias Steffen Kläger-Lißmann) schließlich wissen. „Mein lieber Brenz“, antwortet der Reformator, „ich weiß ja selber nicht, was ich denken soll. Manche halten’s für Teufelszeug, für andere ist es ein Ausdruck reiner Lebensfreude.“ Wie passend, dass es in Stuttgart das Ensemble Trabucchetto gibt, das sich auf historische Tänze spezialisiert hat und den Gästen nun einen kleinen Einblick in die höfische Welt um die Zeitenwende zur Moderne bieten kann.
Höfisch-elegante Tänze mit dem Ensemble Trabucchetto

Elegant, anmutig und mit graziösen Bewegungen tänzelt die Gruppe durch das Martin-Luther-Haus. In historischen Gewändern – die Damen in Korsett und langen Röcken, die Haare streng zum Dutt oder Kranz geflochten, die Männer mit engen Strümpfen, Federhut und Pluderhosen – lassen die sechs Tänzer die höfische Welt um die Zeitenwende zur Moderne wiederaufleben: mit Dolce Amoroso Fuoco, Felice Vittoria oder Alta Mendoza, schillernde Namen längst vergangener Tänze.

Mit Achtsamkeit, Distanz und Würde betreiben sie den Tanz, der Körper dabei aufrecht und den Blick nach oben gerichtet. Besonders beeindruckend gelingt das dem Ensemble Trabucchetto bei „Le bouffon“,einem französischen Schwertertanz. Dabei tanzen zwei Männer und zwei Frauen im Kreis und berühren sich immer wieder mit ihren Holzstäben, ohne auf die Stäbe zu blicken, was meist auch fast blindlings gelingt. Auch das Publikum darf später mittanzen – allerdings, und das aus gutem Grunde, ohne die hölzernen Schwerter.

Solcherlei von Musik, Tanz und guten Reden beseelt, stimmten die Gäste im Martin-Luther-Haus zum Abschluss ein gemeinsames Lied an: „Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist“ des Theologen Klaus-Peter Hertzsch, das einzig zeitgenössische Stück des kurzweiligen Abends. Denn so viel auch der Geschichte gehuldigt wird: „Die Kirche“, so Martin Luther, „ist immer zu reformieren und unserem Herrn soll jede Zeit ein neues Lied singen.“

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: Steinemann

 

 

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