Der Sturm auf die Heiligen

Schorndorfer Nachrichten, 2016-11-19: Hier standen mal Heilige, die auf den Kirchgänger herabsahen. Die Reformation hat ihnen die Köpfe abgeschlagen und die Leiber entfernt. Im Rahmen eines bundesweit ausgeschriebenen Kunstwettbewerbs werden die Nischen im nächsten Jahr für sieben Monate wieder besetzt. Das ist gelebte, nach außen hin sichtbar gemachte Reform-Aktion am Kirchenleib selbst. Pfarrerin Dorothee Eisrich zeigt einen der Aufstellorte an der Schorndorfer Stadtkirche

Schorndorf. Komisch! Der Umstürzler Martin Luther hatte es sehr wohl mit der Kunst. Er hatte sogar einen Leibmaler: Lucas Cranach. Und doch kam es in den reformierten Landen regelmäßig zum Bildersturm: Der ganze bildliche Schmuck, abgetan als „Abgötterei“, wurde aus den Kirchen ausgeräumt. So auch in Schorndorf. Eine Überreaktion seiner Jünger?

Bild ist eben nicht gleich Bild. Und die bildliche Darstellung der Bibel kann man sich so oder anders denken. Lucas Cranach, der bildstarke Propagandist, malte Luther auf der Kanzel, wie er zur Gemeinde spricht, die Bibel vor sich aufgeschlagen. Soll heißen: Allein die Schrift ist Quelle der Heilsbotschaft. Oder nehmen wir das Bild „Christus und die Ehebrecherin“, eine Ikone aus der Werkstatt des gebürtigen Franken. Jesus scheint die Frau gegen die umstehenden Männer zu verteidigen. Soll heißen: Jeder Mensch kann sich persönlich an Gott wenden und um Erbarmen bitten. Er kann auf die göttliche Gnade vertrauen. Es braucht keine Beichte und keinen Ablass. Und auch keine Mittelsmänner, inflationär für heilig Erklärte, so wie es im Altglauben den Menschen eingesungen wurde.

Luther wusste um die Kraft von Bildern, besser: von Gegenbildern. Kurz vor seinem Tod soll er sich selber gerühmt haben für den von ihm ausgeübten Akt der Kirchenspaltung: „Ich hab’ den Papst mit den bösen Bildern sehr erzürnet.“ Sein Zulieferer für die Ärgernisse war Cranach. Kunsthistoriker sprechen von der unheimlichen Cranach'schen Bildgewalt, die den Religionskampf erst so richtig anfeuerte. Und das in einer insgesamt bilderarmen Epoche. Luther ließ jene Darstellungen gelten, die das Wort der Bibel in Bilder übersetzte, aber er war’s auch, der all die Gemälde abtat, die von den Gläubigen angebetet wurden. Nebenher arbeitete er selbst an seiner Idolisierung – mit Hilfe des Chefpropagandisten Cranach. Die Autorin Ulrike Knöfel schreibt, „für Luther konnte man Gott nicht in einem Kunstwerk finden – denn ,mein got ist im himmel’. Cranach versorgte die Reformation mit Darstellungen, denen man das Nicht-Kultische sofort ansah. Diese Szenen sollten nicht verehrt, sondern verstanden werden, sollten gleichsam Wort und Bild in einem sein.“ Die Kunst, selbst die des Porträts, wurde protestantischer.

Das aber half einer Kirche wie der in Schorndorf nicht. „Die figürliche Ausgestaltung der Kirche überlebte bis auf die Figur der Wurzel Jesse die Reformation nicht“, heißt es dazu im großen historischen Abriss über die Stadt Schorndorf. Zum Opfer der Kunstbanausen wurden Bilder an den Strebepfeilern am Chor, aber auch das aufwendig gestaltete Sakramentshaus. Zeitgenossen beschrieben es als „ein sehr schön Sacramentsheußlein, von reinem Stainwerckh, so zierlich und rain ußgegraben, mit Laubwerckh und Bildern, als hoch der Chor ist, das es alte Steinmetzen hoch betheyren, dergleich Werckh sei in Teutschland nit zu fünden gewest . . . aber die Büldstürmer habens übern Hauffen geworffen.“

Der Bau der Stadtkirche an sich, so wie wir sie kennen, geriet aus protestantischer Sicht ja schon zum Sündenfall. Wie wohl kam es zu so einem Werk? Durch Ablasshandel. Die Tilgung zeitlicher Sündenstrafen, die versprochen wurde jedem, der seinen Beutel aufmachte, hatte nach zwölf Jahren endlich Erfolg. Wohl 1477 wurden die ersten Quader gesetzt für den spätgotischen Bau. Wer mithalf, kam gesichert in den Himmel. Denn im päpstlichen Ablass von 1465 heißt es, dass Bußfertige beiderlei Geschlechts, „welche zu solchem Bau hülffliche Handreichungen thun werden, an allen Fest- und Feyer-Tagen 100. Tag von den ihnen aufgelegten Bussen in dem Herrn gnädigst nachzulassen.“ Siehe da: Frauen waren geschätzt in der Kirche, wenn sie Geld herbeitrugen.

Statt Heiligenfiguren ein Armenkasten

Viele Schorndorfer Bürger begrüßten die Reformation, heißt es im Ortsgeschichtsbuch. Der Messgottesdienst wurde aus der Kirche gefegt, der „wenig bedeutende Schorndorfer Kirchenschatz“ nach Stuttgart gebracht. Dazu gehörten eine silberne Monstranz, ein silbernes Rauchfass, Gefäße für die Hostie, Messkännchen und jede Menge vergoldete Kelche. 1537 nahm der Richtungswechsel barmherzige Züge an. Errichtet wurde ein Armenkasten, um das Spital zu unterstützen, sowie die Armenpflege und die Versorgung des lateinischen Schulmeisters.

Anderswo überlebten die Heiligenbilder auch den Bildersturm. Die beiden Schorndorfer Archivarinnen Andrea Bergler und Nina Bahlo schreiben in den Heimatblättern Nr. 28 zu „Bürgersinn und Kirchenbau“, dass die Neugläubigen in Württemberg wenig Gnade walten ließen. Raus mit allen Heiligendarstellungen aus den Kirchen! Später, heißt es da, duldete man Bilder von biblischen Gestalten durchaus in den Kirchen, „solange sie nicht Kultzwecken dienten“.

Aber generell gilt: „Der Figurenschmuck im Innern der Schorndorfer Stadtkirche überlebte die Reformation nicht.“

So wie sich auch die Nischen außen an den Mauern leerten.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: Büttner

 

 

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