Die Besetzer der Nischen

Schorndorfer Nachrichten, 2016-11-19: 500 Jahre Reformation - Nischen an der Schorndorfer Stadtkirche werden zeitweise neu besetzt.

Raus mit den Heiligen des Altglaubens, des katholischen. Weg mit diesen falschen Götzen, die da die Winkel an den Außenmauern der Schorndorfer Stadtkirche besetzt haben. Der Bildersturm im Zug der Reformation machte Tabula rasa. Jetzt, 500 Jahre danach, sollen die Nischen wieder besetzt werden – mit neuer Kunst. Möglichst mit einer, welche den Glauben und die Kirche weiterdenkt.

Ursula Quast entstammt einem württembergischen Pfarrhaus. Wenn sich die Musikpädagogin und Journalistin einem Gotteshaus nähert, wirft sie sich nicht gleich auf die Knie. Eine Kirche, das war ihr zweites Zuhause. Seit bald 30 Jahren wohnt sie in Schorndorf. Eines Tages blickte sie hoch zu den mächtigen Mauern der Stadtkirche und schärfte die Augen zum prüfenden Blick: Da fehlt doch was: An den Ecken der Außenmauern sind Aussparungen, rund 1,40 Meter hoch. Sockel künden noch davon, dass da mal was Aufstellung gefunden hatte, was dann all Tag aufs Kirchenvolk herabsah. So, als ob der Kirchgänger unter ständiger Beobachtung zu wandeln hat.

Ursula Quast sagte sich: Diese Nischen sind ein für bildende Kunst vorgesehener Platz, der den Zweck hatte, nach außen zu sprechen. Und das sollte er wieder tun. Vielleicht noch mehr: „Vielleicht kann hier eine Sprache gesprochen werden, die auf neue Art Interesse aneinander weckt.“ Kirche und Marktplatz also an einem Ort, dort, wo es geistliche und bürgerliche Gemeinde an brennenden Punkten zu verknüpfen gilt. In der Schorndorfer Pfarrerin Dorothee Eisrich fand sie eine kongeniale Mitspielerin. Sie ist lange schon der Meinung, dass die Stadtkirche eine Bürgerkirche zu sein hat. Und wer nicht in den Gottesdienst findet, weil das für ihn schon zu viel Nähe bedeutet, der soll erfahren, mit welch Selbstbewusstsein die Kirche selbst von sich kündet: Seht her, ich trau mich. Ich lass Kommentatoren an mich ran. Von außerhalb. Objektemacher, die mit den Mitteln der Kunst arbeiten.

Dies Wagnis muss auch dann eingegangen werden, wenn die Kommentatoren der Kunst Bilder finden, die dann einem Kirchgänger quer im Magen liegen. Aber genau das könnte das spezifische Salz der Schorndorfer Erde ausmachen. Wie heißt es in der Bibel? „Wenn das Salz seinen Geschmack verliert, womit kann man es wieder salzig machen? Es taugt zu nichts mehr; es wird weggeworfen und von den Leuten zertreten.“

Kunst der Gegenwart taugt dann etwas, wenn sie eine Diagnose der Zeit liefert. Da macht es auch nichts, wenn die 13 Objekte, die ab Anfang April die Nischen um den Chorraum herum wieder besetzen, von oben herab auf den Beobachter schauen. Ja, er muss den Kopf heben, um aufzusehen. Diesmal aber nicht zu Heiligen, sondern – wenn es gutgeht – zum Höchsten, wonach profanes Streben fähig ist. Sinnbilder zu schaffen, Zeichen, bildhafte Parabeln.

Aber wer sagt denn, welches Zeichen zu welcher Zeit passt? Und dann noch an diesem Ort? Diesen spezifischen Schorndorfer genius loci. Ursula Quast machte sich an eine Konzeption, die nicht zerredet werden kann. Im Schorndorfer Kunstvereinsvorsitzenden Hardy Langer fand sie einen Unterstützer der ersten Stunde. Zunächst musste der Kirchengemeinderat überzeugt werden. Es ist nicht ganz falsch zu sagen, dass sowohl die Projekterfinderin wie auch die Projektgutfinderin, die Pfarrerin, in Zungen reden mussten. Genauer: mit Engelszungen. Aber hernach stand der Beschluss des Kirchengemeinderats einstimmig da. Ja, wir sind so mutig und lassen uns drauf ein.

Wie also findet man Kunst? Gute, und keine beliebige. Der Wettbewerbsgedanke hat noch meist die Besten an die Öffentlichkeit befördert. Eine Ausschreibung wurde in die Künstlerwelt entlassen. Gleichzeitig eine Jury gebildet mit kirchenfernen und kirchennahen Menschen. Voran ein Experte für Kunst in der Kirche, aber auch für praktische Theologie und Kirchenbau. Professor Thomas Erne heißt er, er kommt aus Marburg. Und entpuppte sich schnell als Neuerer, der dem Protestantismus quasi eine permanente Kulturrevolution verordnen will. Karl-Ulrich Nuss fand sich noch ins Gremium ein, der Stuttgarter Kunsthistoriker Hans-Ulrich Roller, der Gotikexperte Markus Hoersch aus Leipzig, die beiden Lehrbeauftragten Tilman Eberwein und Justyna Koeke von der Stuttgarter Kunstakademie und Dorothee Eisrich.

Sie bekamen es mit fast 100 Arbeiten von 64 verschiedenen Beitragslieferanten zu tun. Am Ende stand eine Liste der letzten 14. Die Letzten werden die Ersten sein – die Nischenbesetzer. Man darf getrost davon ausgehen, dass in der Kunstszene bald jeder jeden kennt. Deshalb sind die Einsendungen bei den Jurysitzungen streng anonym behandelt worden. Aussagekraft des Werks geht allemal vor Namhaftigkeit des Werklieferanten.

Die Projektausdenker machen es spannend. Am ersten April kommt es zur Open-Air-Vernissage. Aber so richtig mit Überraschungseffekt. Da erst wird von den einzelnen Objekten der Schleier gezogen. Und dann fängt das große Diskutieren an. Man darf sich drauf freuen. Denn wenn diskutiert wird, dann in Schorndorf. 30 Jahre ist es her, dass ein gewisser Jürgen Goertz es wagte, einen Mondscheinbrunnen an den Chor der Stadtkirche zu pflanzen. Eine postmoderne Edelscheußlichkeit. Ausgestattet auch noch mit etwas, was auf das Kritischste beäugt werden musste von all jenen, die ihre Kirche freihalten wollten von Zumutungen. Goertz verpasste seinem Engel ein Auge, das geradezu diabolisch auf die Umstehenden herabblickte. Das Auge einer Kuh, hieß es bald in Leserbriefspalten. Eine Entweihung hier an einem Platz, der dem Seherischen des Evangelischen gewidmet sein sollte. Der damalige Oberbürgermeister Winfried Kübler plädierte für Gelassenheit. Auch wenn das Engelswerk was Teuflisches hat - die Welt dreht sich weiter. Auch die der Protestanten.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

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