"Mit Luther über Luther hinaus!"

Schorndorfer Nachrichten, 2016-11-03: „Radikale Gnadentheologie“ / Der katholische Theologe Ottmar Fuchs am Reformationsabend in evangelischer Stadtkirche

Schorndorf. Das hatte wahrlich protestantischen Charme: Da lud sich die evangelische Kirchengemeinde ausgerechnet zu Beginn des 500. Jubiläumsjahrs der Reformation einen Katholiken als Festredner ein. Erstmals! Und der erkannte auch noch die Rechtfertigungslehre Luthers als Kern der Reformation an, um mit einer radikalen Erweiterung deren Brisanz in einer von Fundamentalismen bedrohten Moderne zu zeigen!

Erstaunliche Worte eines katholischen Theologen vor der überwiegend evangelischen, großen Zuhörerschaft am Reformationsabend in der Stadtkirche: „Das 500. Reformationsgedächtnis am 31. Oktober 2017 ist ein großes Fest für die Gnadengeschichte des Christentums und für die Freiheitsgeschichte Europas.“

Ein leise vorgetragenes, dennoch prophetisches Projekt

Aber mit Prof. Dr. Ottmar Fuchs kam – übrigens auf Empfehlung des katholischen Dekans Manfred Unsin – kein ökumenischer Schmeichler, sondern ein Christ, ein Denker, der drängte, dass „diese Erinnerung für die Zukunft zu mobilisieren“ sei. Und das bedeute, „mit Luther über Luther hinaus“ zu gelangen. Fuchs, der sich einen „lutherischen Katholiken“ nannte, mahnte mit seinem zwar leise vorgetragenen, aber drängenden prophetischen Projekt, nichts geringeres als eine Erweiterung von Luthers

Rechtfertigungstheologie auf „eine radikale Gnadentheologie“an!

Luthers befreiende Entdeckung sei die im Rückgriff auf Paulus gewonnene Einsicht gewesen, „dass er nichts tun muss, um von Gott geliebt zu werden“. Luthers existenzielles Problem war die Suche danach, „wie gewinne ich einen gnädigen Gott?“ Er litt unter seiner Sündhaftigkeit und Unzulänglichkeit, „Seine Heilsangst“, formulierte Fuchs, „stieß die Türen des Zweifels auf“. Auch Luther sei in einer „Wenn/dann-Spirale“ gefangen gewesen, die das Gnadenverhältnis zu Gott versuchte, in einen Verrechnungszusammenhang zu stellen.

Luther, führte Fuchs aus, konnte aus „dieser zerstörerischen Dynamik noch rechtzeitig aussteigen“ und erkannte, „man kann sich die Liebe Gottes nicht verdienen – und man muss es auch nicht. Er liebt mich von vornherein. Ohne Wenn und Aber. Seine Liebe ist voraussetzungslos! Es ist ein Wahn, sich Gottes Liebe erwirtschaften zu wollen.“ Luthers „zwanghafte Ketten fallen“, so Fuchs: „Er ist ein Freigelassener. Das ist die evangelische Grunderfahrung aller Christen!“
Ein Ende der fundamentalistischen Selbstrechtfertigungen!

Und, so der versierte Theologe, Gottes Gnade ist weder Herablassung noch Willkür, sie sei „ein Rechtstitel“! Das hieße, „die Gnade ist nicht die Ausnahme, sondern die Regel, von der es keine Ausnahmen gibt“. Theologisch – und auch politisch brisant! – bedeutet dies eine radikale Absage an alle fundamentalistischen, und damit exklusiven Selbstrechtfertigungsversuche vor Gott: „Selbstrechtfertigung und Entsolidarisierung sind die zwei Seiten der gleichen Medaille.“ Denn „wird die Rechtfertigung der Gottlosen aber radikal verstanden, dann gilt sie auch dann, wenn Menschen gottlos bleiben“.

Und Fuchs wurde noch deutlicher: „Es wird das Unterscheidungsmerkmal für die Zukunft in und zwischen den Religionen sein, wie weit sie die Rechtfertigung der Sünder und der Gottlosen vertreten oder inwieweit sie Gottes Liebe auf die Zugehörigkeit auf den eigenen Bereich regionalisieren.“ Die sei auch „eine Auseinandersetzung innerhalb des Christentums selbst, wo weltweit insbesondere dessen fundamentalistische Anteile mit wieder verschärften Ausgrenzungen zahlenmäßig explodieren“.

„... bis zum Äußersten der Liebe Gottes!“

Dem stellte Prof. Fuchs eine Gnadentheologie gegenüber, „in der die Rechtfertigung des sündigen und gottlosen Menschen die Unendlichkeitsqualität Gottes annimmt und für alle Menschen gilt.“ Und radikal: „Weder Kirche (die katholische Versuchung) noch Glaube (die evangelische Versuchung) sind Bedingung und damit Ausgrenzungsräume des Erlösungsgeschehens. Diese Einsicht scheint in den christlichen Kirchen noch nicht Allgemeingut zu sein.“

Mit Luther über Luther hinaus? „Die Weiterführung Luthers erlöst uns von jeder Art Fundamentalismus“. Das wäre dann, so Ottmar Fuchs in seinem geistbeseelten Vortrag, „die andere Befreiung: die Rechtfertigung bis zum Äußersten der Liebe Gottes zu treiben.“

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

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