"Mach zwei Kartoffeln mehr ...!"

Schorndorfer Nachrichten, 2016-00-22: Eine ergreifende Geschichtsstunde mit der Holocaust-Überlebenden Zipi Kaplus im Schorndorfer Martin-Luther-Haus

Schorndorf. Was für eine Frau, was für ein Leben - und was für eine wunderbare Mutter! Die nun bald 80-jährige Israelin Zipi Kaplus, geboren in einem überwiegend jüdischen, ukrainischen Städtchen, erzählte im Martin-Luther-Haus in Schorndorf von ihrer Kindheit auf der Flucht vor den deutschen Besatzern.

Angst und Terror bestimmten jahrelang den Alltag des kleinen Mädchens und ihrer Mutter. Den Zuhören im Martin-Luther-Haus stockte oft der Atem. Am Ende Bewunderung für eine Frau, die in Wort und Tat das Leben feierte. „Du bist meine Sonne“, so tröstete und mahnte ihre Mutter die kleine Zipi, als es im Arbeitslager mal wieder nichts zu essen gab und das Mädchen klagte, dass sie nun sterben müsse. „Als Sonne kannst du nicht sterben“, erklärte ihr die Mama, „denn wo kämen dann das Licht und die Wärme her?“

Und ein Licht ist Zipi Kaplus bis heute geblieben. Mit warmer Ausstrahlung und lichtem Feuer erzählte die kleine Dame ihre Kindheitsgeschichte - und freute sich besonders darüber, dass unter ihren Hörern auch viele Jugendliche waren. Und so begann die Überlebende ihre Erinnerungen mit einer Hymne an das Leben, als Antwort auf das Gefühl der Wertlosigkeit, dass sie bei vielen jungen Leuten wahrgenommen habe: „Das Wichtigste im Leben ist das Leben, dass unser Leben immer weiter geht, und wir Dinge schaffen, von denen wir nicht glaubten, dass sie möglich sind!“

Da gab eine ihren Lebensmut weiter, trotz und wegen ihrer frühen Erfahrung von Terror und Tod während der Judenverfolgung durch die Deutschen.

Geboren wurde Zipi Kaplus in einem kleinen Ort in der Ukraine, wo die Bevölkerung zu drei Vierteln aus Juden bestand. Es gab weder elektrisches Licht noch Wasser, aber das Gemeindeleben war „reich an Kultur“. Als die Deutschen 1939 die Tschechoslowakei besetzten, kamen die Russen ins Städtchen und mobilisierten die Männer. „Die Ukrainer aber wechselten ihre Haltung“, erklärte Kaplus, „sie erwarteten die Deutschen, um sich von den Polen und Russen zu befreien“. Zwischen Juden und Ukrainern herrschte sonst „ein ziemlich gutes Verhältnis“, so Kaplus, „aber es gab ab und zu Pogrome“.

Der Terror der Deutschen und Ukrainer gegen die Juden

Bald kamen jedoch die Deutschen in die Stadt, „und es hat nicht lange gedauert, bis alle Juden in ein Ghetto mussten“. Aber „niemand konnte sich vorstellen, dass noch etwas Schlimmeres kommt“. Aber es kam schlimmer. „Man fing an, die Leute zu ängstigen.“ Die Schikanen und der Terror begannen. Zehn junge jüdische Männer wurden gezwungen, zehn Kilo Pfeffer von der jüdischen Gemeinde einzusammeln. So viel Pfeffer gab es nicht. Es half nichts. Die zehn jungen Leute wurden hingerichtet „und alle mussten kommen und schauen, wie man sie erschießt“. Und so ging das weiter als zu wenig Fuchsschwänze und zu wenig Tafelsilber zusammenkamen.

Und der ukrainische Mob, die ehemaligen Nachbarn, beteiligten sich. „Die Ukrainer waren schlimmer als die Deutschen.“ Es wurde sehr still, als Zipi Kaplus folgende Geschichte erzählte: „Eines Tages wurden alle jüdische Frauen in eine Turnhalle gebracht. Der Boden der Halle war mit Glas-splittern übersät. Die Frauen mussten ihre Schuhe ausziehen und auf den Scherben vor und zurück, vor- und zurücklaufen. An der Seite waren Bänke aufgereiht, auf denen Ukrainer mit Peitschen auf die Frauen einschlugen.“ Die kleine Zipi, auf den Rücken ihrer Mutter gebunden, erkennt ein Nachbarskind und ruft es freudig.

Es gab auch andere Geschichten. Als ihre schwangere Mutter nicht mehr in der Militärkantine arbeiten konnte, kam jeden Abend ein Soldat auf dem Fahrrad bei ihnen vorbei und hat Essen gebracht. Einmal brachte der Soldat Lebkuchen, den er von zu Hause geschickt bekommen hatte. „In jeder Situation hat man das Schwere und hat einen Stern, der aus den Wolken kommt und Licht macht“, sagt Zipi Kaplus dazu.

Im Wald außerhalb des Dorfes waren die Gruben ausgehoben. Die Juden wurden hingeführt, mussten sich ausziehen und in Reihen vor die Grube stellen, wurden erschossen. Die Großmutter mit dem Neugeborenen im Arm fiel hinein. Von ihrer Mutter wurde Zipi immer wieder in eine hintere Reihe geschoben. „Die haben von zehn bis drei Uhr gearbeitet.“ So lange ging das Morden, dann war Schluss. „Wer übrig blieb, ging zurück in die Stadt.“

Man schauderte über die deutsche Pünktlichkeit und dachte an Paul Celans, „der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.

Zipis Mutter tat sich einigen anderen Frauen und flüchtete mit ihrem einzig gebliebenen Kind durch die Wälder und wollte zu den Partisanen. Bei einer alten, gläubigen Dame konnte sie die fünfjährige Zipi zurücklassen, die dort für zweieinhalb Jahre in einer Grube unter dem Ofen und dann in einem Heuschacht im Schweinestall überlebte. Als das Dorf niedergebrannt wurde, kam ihre Mutter und holte sie. Aber die kurze Flucht endete in einem Arbeitslager, voller Entbehrungen und Hunger. Vor dem morgendlichen Appell kniff die Mutter die Bäckchen ihres Kindes rot, damit es gesünder aussähe und nicht im Wald erschossen würde. Eine der letzten Stationen, kurz vor Kriegsende, das beide überlebten, war Mauthausen.

„Da hab’ ich in Israel ein neues Leben angefangen“

Ein Großvater, der schon in den 20er-Jahren nach Palästina ausgewandert war, ermöglicht 1948 die Einreise für Mutter und Tochter. „Und da hab’ ich in Israel ein neues Leben angefangen. Zipi war 13 Jahre alt, als sie zum ersten Mal in eine Schule kam und dort begierig zu lernen anfing.

Zipi Kaplus hatte schon Familie, als ihre Mutter zu Besuch bei ihr in der Küche stand und fragte, was sie koche und für wen. Es waren Kartoffeln für ihren Mann und die beiden Kinder. „Mach zwei mehr ...“, forderte ihre Mutter, „man weiß nie, ob noch jemand mit Hunger zu Besuch kommt“. Kaplus sagt, „meine Mutter hat mich zu dem gemacht, wie ich heute bin“. Und so führte sie ein Leben, in dem es für die anderen, die Hungrigen, die Zukurzgekommenen oder Benachteiligten immer „zwei Kartoffeln mehr“ gab. Mindestens.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

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