Eine theologische Brücke zum Islam

Schorndorfer Nachrichten, 2016-06-14: Juden, Christen und Muslime als „Kinder Abrahams“ / Vortrag von Prof. Karl-Josef Kuschel bei „Stadtkirche am Abend“

Schorndorf. Großes Interesse fand die jüngste Veranstaltung der Reihe „Stadtkirche am Abend“. Mit dem Vortrag des renommierten katholischen Theologen Karl-Josef Kuschel aus Tübingen, der über Juden, Christen und Muslime als die gemeinsamen Kinder Abrahams sprach, wurde das Projekt des interreligiösen Dialogs fortgeführt. Zu dem gehöre auch „die Selbstkritik an der eigenen Tradition“, wie der Professor ausführte.

Pfarrerin Dorothee Eisrich erinnerte vor gut 300 Hörern zu Beginn der Veranstaltung daran, dass vor einem Jahr Vertreter der muslimischen Gemeinde Schorndorfs zum Dialog in die Stadtkirche geladen waren. Ihr Eindruck nach der damals Viele bewegenden Begegnung war: „Das Gespräch muss weitergehen!“

Das geschah nun mit Prof. Karl-Josef Kuschel, der bis 2013 auch stellvertretender Direktor des Instituts für Ökumenische und Interreligiöse Forschung der Universität Tübingen war. Doch der engagierte Theologe mahnte zunächst, angesichts gefährlich populistischer Aufrüstungen in Religionsfragen, Bescheidenheit an. „Das ist die Stunde nicht der Vollmundigkeit, sondern der Nachdenklichkeit.“ Und er machte da gleich einen Anfang: bei sich selbst, seiner Zunft und der christlichen Religion.

„Ich bin als Christ auf der Suche nach einer theologischen Brücke zum Islam“, erklärte Kuschel seine Forschungsbemühungen, die natürlich auch einen politischen Hintergrund hätten. So erinnerte er an die erste Ölpreiskrise von 1973, die den westlichen Ländern schockartig ihre Abhängigkeit von in muslimischen Ländern geförderten fossilen Energieträgern bewusst machte. Als zweites, einschneidendes Ereignis nannte er die Rückkehr des schiitischen Ajatollah Chomeini nach Iran im Jahr 1979 und die dortige Errichtung einer Islamischen Republik.
In Jerusalem: „Für die Präsenz des Islams hatte ich keine Antenne.“

Kuschel erzählte, wie er Ende der 70er Jahre mehrere Monate in Jerusalem war und die dort lebenden Araber und ihre lange Geschichte in der Stadt zwar sah, aber nicht aufnahm. Sein Interesse galt dem Judentum. „Für die Präsenz des Islams hatte ich keine Antenne.“ Inzwischen aber sei deutlich geworden, „der Islam ist als Faktor der Weltpolitik wieder auf der Weltbühne zurück“. Deshalb sind für Kuschel „Grundkenntnisse über den Islam unverzichtbar, wenn wir die Welt verstehen wollen“.

Für wichtig erachtet Kuschel dabei, „sich über Glaubensfragen wechselseitig Rechenschaft abzulegen“. Und „wenn das bei uns nicht gelingt, kann es in der Welt nicht gelingen“. Sonst fände, mit einem Wort Martin Bubers, eine „Vergegnung“ anstelle von „Begegnung“ statt. So wie auf der politischen Rechten, bei der Kuschel „einen Tunnelblick mit heruntergezogenem Visier“ ausmachte.

Dabei machte Kuschel deutlich, dass „interreligiöser Dialog nicht auf die Bagatellisierung der Unterschiede“ hinauslaufen dürfe. Trotzdem gebe es „eine innere Verwandtschaft der drei großen Religionen“, und die sei besonders in ihrer gemeinsamen Berufung auf den Stammvater Abraham begründet.

Diesen Abrahamsbezug nannte Kuschel „eine Verpflichtung“. Denn „wer sich Abraham zum Vorbild nimmt, lernt, was erprobtes Gottvertrauen ist“. Es bedeutet Vertrauen in die Verheißungen Gottes, „einem Versprechen auf Zukunft“.

Kuschel zog einen Vergleich Abrahams mit dem homerischen Mythos des Odysseus. Wo der eine nach langer Irrfahrt wieder in die Heimat zurückkehre, stehe bei Abraham die Aufforderung zum Aufbruch in die Fremde: „Geh aus deinem Vaterland und von deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Hause in ein Land, das ich dir zeigen werde.“ (1. Mose 12).

„Wer sich Abraham verpflichtet fühlt, weiß, was es heißt, sich auf den Weg zu machen“, deutete Kuschel und nannte diese Haltung „abrahamische Spiritualität“. Damit kam er auf die bedrängende Gegenwart, denn „man muss bereit sein, loszulassen, was einem vertraut ist“. Aber, so der Theologe, „die Quelle dieser Kraft sind wir nicht selber. Man muss sich öffnen.“

Zum Ende seines Vortrags plädierte Kuschel für „einen Paradigmenwechsel, hin zu einem Miteinander ohne Verwischung und Vermischung der Gegensätze, einer Kultur des Vertrauens“. Auf dem Weg dorthin aber könnten wir, wie Abraham, oft „mit leeren Händen dastehen“.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

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