Dialog zwischen Kunst und Kirche

Schorndorfer Nachrichten, 2016-04-04:Ausstellung von Bronzearbeiten des Strümpfelbacher Künstlers Prof. Karl Ulrich Nuss in der Stadtkirche Schorndorf

Schorndorf. „Es geht um einen Dialog“, sagte Pfarrerin Dorothee Eisrich bei Eröffnung der Ausstellung Kirche und Kunst in der Stadtkirche. Gezeigt werden dort nun Bronzeplastiken des Strümpfelbacher Künstlers Prof. Karl Ulrich Nuss, der für religiöse und existenzielle Themen ganz eigene Formen gefunden hat, die gerade im Kirchenraum eine besondere Wirkung entfalten und so zu Gespräch oder Meditation einladen.

Vor dem Altar steht sie nun, diese ungewöhnliche Christusfigur des Karl Ulrich Nuss. Mit vier Armen, gestreckten und erhobenen, zugleich sowohl den Gekreuzigten wie den Auferstandenen in einer Gestalt darstellend. „In einer Person erlebt er Karfreitag und Auferstehung“, sagte Pfarrerin Eisrich dazu und stelle damit auch „eine Aufforderung“ dar: „Jetzt seid ihr dran!“
Adam und Eva unter einem Baumastgewimmel mit Schlange

Von Ferne wirkt die Figur wie ein Baumstamm, aus dem zugleich die Äste des Lebens und des Todes ragen. Etwas davon hat auch Nuss’ Darstellung von Adam und Eva. Ein Bronzerelief, auf dem in ein stürmisch bewegtes Baum-Ast-Gewimmel die Schlange verstrickt ist und dem ebenfalls eigentümlich flattrig gestalteten Menschenpaar den Apfel reicht. Der biblische Sündenfall, eine Über-Schreitung, die zum Bewusstsein der eigenen Triebhaftigkeit und des Todes führte. Genauso ineinander verschlungen, wie Nuss das darstellt.

Neben weiteren religiösen Themen wie „Golgatha“ oder einer „Grablegung“ als Triptychon sind es die zugespitzten existenziellen Themen, zwischen Trauma und Humor schwebend, die Nuss in seinen Kleinplastiken zu verdichteten Bildern fügt.

„Überhang“ heißt mehrdeutig ein Tableau, auf dem vier Figuren am Rande einer Platte einen Gefallenen oder Gestürzten mit vereinten Kräften wieder zurückzuziehen versuchen. Eindrucksvoll das Baumeln des Herabhängenden über dem Bodenlosen. Überhang? Auch in der Bedeutung des Überflüssigen, dessen, der eigentlich einer zu viel ist? Ein Bild also in der Schwebe der Entscheidung. Die Obenstehenden könnten ja loslassen. Ein bestürzendes Bild an der scharfen Kante des immer gefährdeten sozialen Zusammenhaltens, der Solidarität.

Da gehört, weiß Nuss durchaus um die grotesken Verrenkungen des Humanen, allemal ein wenig oder sogar mehr an Akrobatik dazu. Mit Witz führen das zwei Kleinplastiken mit dem Titel „Balance“ vor. Hier versuchen auf jeweils schwankenden Untergründen je zwei Figürchen nicht zu kippen oder herabzufallen. Balance halten können, so Nuss’ Vorschlag jenseits jeder religiösen Vorliebe, vielleicht die Kunst oder Fähigkeit für ein (halbwegs) gelungenes Leben? Auch wenn die dafür erforderlichen Körperhaltungen manchmal etwas Lächerliches oder Peinliches haben mögen.
„Durchgang“ - Wer von uns mag sich hier den Türsteher anmaßen?

„Durchgang“ nennt Nuss ein Werk, das, so Eisrich, „aktueller nicht sein könnte“. Da ist in eine Wand ein schmaler Spalt gefügt, zu dem hin der Künstler eine schwere Traube an nackten Menschenleibern von unten nach oben drängen, schieben, stoßen lässt. Die aufstrebenden Körper mögen an religiöse Darstellungen von Apotheosen erinnern. Der Betrachter kann aber auch schnöde profan deuten: Hier begehren Menschen Einlass. Hier ist ein verengtes Nadelöhr – sollen wir’s Europa nennen? –, durch das die Getriebenen durchwollen. Ein verzweifeltes Hoffnungs-Arrangement. Wer von uns aber mag sich hier den Türsteher anmaßen?

Und dann steht da noch eine außergewöhnliche Pieta in der kleinen Marienkapelle links des Altars. Der Gekreuzigte liegt hier nicht wie gewöhnlich, man möchte sagen: ‘klassisch hingegossen’ auf dem Schoss von Maria. Nein, hier versucht eine Mutter, eine Frau, ihren toten Sohn mit stummem Schmerz an sich aufzurichten, hochzuziehen. Von hinten hält sie den allzu schweren Leib vor ihren Bauch, aus dem heraus sie ihn einst hoffnungsvoll geboren hatte. Ihr starrer Blick scheint das zu erinnern. Und dem Betrachter fallen die vielen Darstellungen von Mariä Verkündigung durch Gottes Engel ein. Schon damals erschrak die junge Frau. Verhießen wurde ihr ein Kind namens Jesus und „der wird groß sein und ein Sohn des Höchsten genannt werden“ (Lukas, 1, 32). Ist es dieses geschundene Fleisch, das sie nun entsetzt, noch einmal in den Arm nehmen möchte? Was gibt hier noch Halt? Nuss konfrontiert uns mit einer so unpathetischen wie provozierenden anti-klassischen Pieta der Fassungslosigkeit. Und findet gerade so eine Form für unsere ungestalten Ängste.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

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