Nach vier Jahren Flucht endlich hier

 

ZVW, 2015-02-07: Schlüsselgespräch zum Thema Asyl im Martin-Luther-Haus / Drei Flüchtlinge erzählten ihre Geschichten

Schorndorf. Ängste und Vorurteile werden am besten durch Begegnungen und Zuhören abgebaut. Genau dieses Angebot nahmen viele Teilnehmer des Schlüsselgesprächs zum Thema Asyl im Martin-Luther-Haus wahr. Dabei wurden sie mit Lebensgeschichten konfrontiert, die ahnen ließen, wie fern und doch nah das Flüchtlingselend inzwischen ist.

„Es ist paradox und nicht akzeptabel“, meinte Dr. Heinz-Jürgen Kopmann zu Beginn der Veranstaltung, „je seltener und geringer der persönliche Kontakt mit zugewanderten Menschen ist, desto stärker werden diese als potenzielle Drohung wahrgenommen.“ Dabei dominierten, so der Mitorganisator der Schlüsselgespräche der evangelischen Kirchengemeinde, „die Aktivitäten weniger Extremisten und Terroristen unangemessen stark das Bild“, das sich „etliche Mitbürger hinsichtlich der Zugehörigkeit von Menschen zu einer andersartigen Rasse oder Weltanschauung“ machten.

Angesichts der weltweit vielen Flüchtlinge sei es aber „ein Gebot der Nächstenliebe und Mitmenschlichkeit, dort schnellstmögliche Hilfe anzubieten, wo Frieden und Wohlstand ein menschenwürdiges Leben ermöglichen“. In Schorndorf sei „dieser Geist spür- und erlebbar“.

Als Referent sprach Kirchenrat Klaus Rieth, der, zuständig für die Außenbeziehungen der Landeskirche, viele der Flüchtlingsländer aus eigener Anschauung kennt und besonders über die aktuelle Lage der Menschen im Mittleren Osten berichtete. Von den 25 000 Flüchtlingen, die im vergangenen Jahr Baden-Württemberg erreichten, so Rieth, kamen die meisten aus Syrien, Serbien, dem Kosovo, Gambia und Eritrea. Zwei dieser Staaten würden von der Politik als „sichere Herkunftsländer“ bezeichnet.

In seinem Bericht konzentrierte sich Rieth auf Syrien, Irak und Nord-Nigeria. Im kriegsverwüsteten Syrien ist, so Rieth, derzeit „die Hälfte der Menschen auf der Flucht“. Da sie sich aber innerhalb der eigenen Staatsgrenzen bewegen, gelten sie nach internationalem Recht nicht als Flüchtlinge. Von der Türkei werden viele aufgenommen. Weniger bekannt sei, dass noch mehr Flüchtlinge nach Griechenland gehen.

Auf seinen Reisen nach Syrien bekam der Kirchenrat zu hören: „Im Grunde müsstet ihr Assad unterstützen. Er sorgte dafür, dass so viele Religionen zusammenleben konnten.“ Als Diktator! „Man kann es nicht richtig machen!“ Rieths etwas hilfloses Fazit: „Es gibt Situationen im Leben, in denen es auch gut ist, nichts zu tun - und nachdenkt.“ Jedenfalls sei „die Situation in Syrien „so schwierig, dass keine dauerhafte Hilfe möglich“ sei.

Nichts Beruhigendes auch, außer aus dem kurdischen Norden, aus dem Irak. Mossul, das einstige Ninive, wo einst die meisten Christen im Irak lebten, „ist heute christenfrei“. Erschütternd sei auch das Schicksal der Jesiden, „einer ganz interessanten Religionsgemeinschaft, einer Mischung aus Juden, Christen und Muslimen, einer friedliebenden Gesellschaft ohne Buch“, also ohne heiligen Text, die von der IS verfolgt und deren Frauen auf Märkten verkauft werden.

Und dennoch wandte sich Rieth gegen Einladungen an die Verfolgten, hierherzukommen. Seine Forderung: „Stärkt die Einheimischen, die Dagebliebenen!“ Und schließlich Nord-Nigeria, „vermutlich das korrupteste Land in ganz Afrika“, dort hätten ihm Bischöfe gesagt, dass sie bei den Präsidentenwahlen „lieber den muslimischen Gegenkandidaten wählen wollen als den korrupten, christlichen Präsidentschaftskandidaten“.

Und dann hatten da drei junge Männer den Mut, ihre Geschichte zu erzählen. Alle drei leben inzwischen in der Wiesenstraße und werden dort von Nabil El Tolony vom Landratsamt und Kathrin Lillich von der Paulinenpflege betreut. Nach dem, was sie zu berichten wussten, hatte man das Gefühl, dass, wer es nach diesen Erlebnissen und Entbehrungen bis nach Deutschland geschafft hat, sich das Bleiberecht genügend verdient hätte.

Der 23-jährige Afghane Zia Hussaini hat eine über vierjährige Odyssee über Pakistan, die Türkei, Griechenland und Italien hinter sich, bis er schließlich in Schorndorf landete, um hier nach einer Ausbildung an der Grafenbergschule seinen Industriemechaniker zu machen. Nur mit „Elvam“ möchte ein 26-jähriger Albaner seinen Namen preisgeben. Er hat sich in seiner Heimat in ein schon an einen älteren Mann verkauftes Mädchen verliebt. Ein Freund half dem verwandschafts-traumatisierten Paar nach Deutschland zu fliehen. „Jetzt bin ich hier.“

„Das ist nicht mein Land, ich gehöre nicht dazu“

Und dann Saban Duljaj, 29, Roma aus Serbien, der als kleines Kind mit seinen kriegsflüchtigen Eltern 1990 nach Geradstetten kam, um dann 2004 ins „sichere“ Heimatland, das er gar nicht kannte, abgeschoben zu werden. „Als ich in Serbien ankam, war das der reinste Horror“, erzählt er in bestem schwäbelenden Deutsch. „Das ist nicht mein Land, ich gehöre nicht dazu“, sagte der Angehörige einer überall diskriminierten Volksgruppe. Mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern floh er zurück nach Deutschland und hofft, „dass ich hier meinen Kindern eine Zukunft bieten kann“.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

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