"Gemeinsam werden wir es packen"

ZVW, 2015-01-17: Am Ende der Informationsveranstaltung zur Unterbringung von Flüchtlingen im Richterweg ist Aufbruchstimmung zu spüren.

 

Schorndorf. Selten hat man Schorndorfs Oberbürgermeister Matthias Klopfer so angespannt erlebt wie am Donnerstagabend vor der Veranstaltung über die Unterbringung von Flüchtlingen im Richterweg. Am Ende bekannte er vor den rund 300 Besuchern im Paulus-Gemeindezentrum, er sei „fast gerührt“, denn er habe „es anders erwartet“. Jetzt „spüre ich aber Verständnis“.

Dazwischen lagen knapp zwei Stunden. Zwei Stunden, die es in sich hatten. Und in denen zumindest anfangs die skeptischen Stimmen überwogen. Gleich zu Beginn der Fragerunden beziehungsweise der Aussprache stellte zum Beispiel ein Mann die Rechtmäßigkeit der Entscheidung, die Flüchtlinge in den Gebäuden im Richterweg unterzubringen, infrage. Seiner Meinung hätte es dafür eines Beschlusses des Schorndorfer Gemeinderats bedurft. Und genau diesen beantragte er, „bevor die Leute kommen“. Es könne nicht sein, dass die Stadtverwaltung das allein entscheide. Der Schorndorfer Baubürgermeister Andreas Stanicki klärte allerdings auf: Die Baunutzungsordnung sei geändert worden und damit sei die rechtliche Grundlage für die Unterbringung von Flüchtlingen in einem reinen Wohngebiet gegeben. Auch ohne Beschluss des Gemeinderats.

„Welche Probleme treten auf, wenn so viele Menschen an einem Ort leben?“, wollte eine Frau wissen. „Das Hauptproblem ist die Religion“, antwortete Sozialarbeiter Nabil El Tolony, der in der Wiesenstraße tätig ist. OB Klopfer ergänzte: Wenn in einer kleinen Dreizimmerwohnung zehn Menschen leben, „muss es Konflikte geben“. Diese drangvolle Enge gebe es im Richterweg aber nicht. Dort stünden den 64 Flüchtlingen in acht Wohnungen immerhin rund 500 Quadratmeter zur Verfügung.

Für die Aussage eines Mannes, dass alle Flüchtlinge im Schorndorfer Norden untergebracht sind und dass das den Ruf von Schorndorf-Nord „nicht besser macht“ gab’s verhaltenen Beifall. Klopfer hingegen wehrte sich gegen die „Stigmatisierung einzelner Stadtteile“, Schorndorf-Nord habe den gleich guten Ruf wie Schorndorf-Süd, „das ist doch keine Frage“. Ein guter Ruf hänge im Übrigen auch immer damit zusammen, „wie sehr man sich engagiert“.

Dr. Längle-Sanmartin verspricht einen weiteren Sozialarbeiter
Das tun die Schorndorfer, darauf wies die Sozialdezernentin des Rems-Murr-Kreises, Dr. Rosemarie Längle-Sanmartin, ausdrücklich und lobend hin: „Ich spüre hier seit Jahrzehnten ein riesiges Miteinander“, die Stadt sei immer ein verlässlicher Partner, „die Bürger engagieren sich, das ist ein fantastisches Zeichen“. Auch Joachim Frey vom Geschäftsbereich besondere soziale Hilfen (er ist dort stellvertretender Geschäftsbereichsleiter) lobte: „Die ehrenamtliche Unterstützung in Schorndorf ist dankenswerterweise sehr ausgeprägt.“ Eine Aussage, die Ulrich Kommerell vom Sozialamt der Stadt unterstrich: Es gebe immerhin 36 Ehrenamtliche in einem Arbeitskreis, der sich für Flüchtlinge einsetze. Längle-Sanmartin sagte, kreisweit würden angesichts der angespannten Situation („Wir sind völlig überrollt worden von der Flüchtlingswelle“) fünf weitere Sozialarbeiter eingestellt. Einer von ihnen werde für den Richterweg zuständig sein, „auf jeden Fall“, versprach die Sozialdezernentin und bejahte dann – nach kurzem Zögern allerdings – auch die Frage („Die Zusage gilt?“) von Thomas Oesterle, Pfarrer der Pauluskirche.

Auch die evangelische Kirche unterstützt die Sozialarbeit
Mit der Wortmeldung von Dekan Volker Teich wurde dann eine Wende eingeläutet. Eine Wende von den anfangs eher kritischen Wortmeldungen hin zu positiven, ja fast zustimmenden. Teich kündigte an, dass eine der drei 50-Prozent-Stellen, die die Landekirche im sozialen Bereich schaffe, nach Schorndorf komme. Die evangelische Gesamtkirchengemeinde der Daimlerstadt sehe „das Problem, dass Hilfe notwendig ist“. Es könne allerdings nicht sein, „dass wir in die Bresche springen und das Landratsamt macht nichts“. Laut Teich „sollten alle an einem Strang ziehen“.

Praktisch nahtlos weiter gingen die Hilfsangebote. Gerhard Rall, Geschäftsführer des Kreisdiakonieverbandes Rems-Murr, verwies zunächst den „sehr erfolgreichen Jugendmigrationsdienst“. Er könne sich vorstellen, einen Asyltreff aufzubauen und Ehrenamtliche zu unterstützen. Außerdem sei eine 50-prozentige Psychologenstelle im Gespräch. Schließlich hätten viele der Flüchtlinge Schreckliches erlebt, seien traumatisiert und bräuchten dringend Hilfe. Vollzug konnte Rall am Donnerstag nicht vermelden, weil die finanzielle Seite noch nicht ganz geklärt ist. Wer aber den Mann aus seiner Schorndorfer Zeit noch kennt, weiß, dass Gerhard Rall alles daransetzen wird, um die Stelle zu bekommen.

Die Gefahr vor Ebola („Wie kann man sicher sein, dass diese Krankheit nicht mit den Flüchtlingen hierherkommt“, wollte eine Frau wissen) war dann auch noch ein Thema. Dr. Hanjörg Scherz wirkte beruhigend auf die Fragestellerin ein. Die Flüchtlinge könnten sich nicht einfach in ein Flugzeug setzen und nach Deutschland kommen. Die Furcht vor Ebola sei „nicht berechtigt“, die künftigen Nachbarn bräuchten aus gesundheitlicher Sicht sowieso keine Angst vor den Flüchtlingen zu haben.

Eine Besucherin sagte, sie wolle ehrenamtliche Initiativen für die Flüchtlinge unterstützen (Kontaktaufnahme ist laut Pfarrer Oesterle am besten möglich unter www.sprachhelfer-schorndorf.de). Starken Beifall gab es für die Aussage einer anderen Besucherin, die es ausdrücklich begrüßt, dass die Flüchtlinge in ein intaktes Wohngebiet kommen, „denn hier ist die Integration besser möglich“. Ein junger Mann sagte, er habe jetzt schon Kontakt zu den Menschen in der Wiesenstraße, spiele mit ihnen Fußball, werde zum Kaffee eingeladen. Das alles sei „eine Bereicherung für mein Leben“. Er wolle das den hier Anwesenden so weitergeben, „damit ihr euch freuen könnt, wenn die Flüchtlinge kommen“. Das erweitere nämlich den Horizont.

Am Ende war Schorndorfs Oberbürgermeister erleichtert – und auch stolz. „Es zeichnet unsere Stadt aus, wie dieser Abend abgelaufen ist“, sagte Matthias Klopfer. „Gemeinsam werden wir es packen, da bin ich ganz sicher“, lautete das Schlusswort des Stadtoberhaupts. Und auch dafür gab’s noch einmal Beifall.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

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