Eine Kirche gibt ihr Innerstes preis

ZVW, 2013-10-09: Die Stadtkirche in Schorndorf wird renoviert und umgebaut

Es ist staubig, das Kirchenschiff ist ausgeräumt, in der Mitte steht ein Gerüst, auf dem, hoch unter der Decke, ein Mann geradezu artistisch balanciert und neue Deckenplatten anbringt. Aus einem Radio scheppert Discomusik, Farbkübel stehen in einer Ecke.

Der Chor ist vom Kirchenschiff durch eine provisorische Holzwand abgetrennt. Dahinter sieht es aus wie auf einem Filmset: Ein Gerüst zieht sich an den Wänden entlang. Es macht den Anschein, als stützen Metall und Holz die Kirche, die in diesem Zustand auf berührende Art ihr Innerstes preisgibt.

Pfarrerin Dorothee Eisrich ist schwindelfrei und klettert für den Fotografen hinauf in den Chor. Bei jedem Schritt dröhnt die fragile Konstruktion. Wieder auf dem Kirchenboden angekommen, geben sie und der Fotograf sich eine staubige Hand. „Schauen Sie mal dort oben“, weist sie zum Holzkreuz über dem Chor. Das Bild des Gekreuzigten ist zum Schutz vor den Bauarbeiten mit einer Plastikhülle bedeckt.

Es ist eine besondere Baustelle: Die Stadtkirche in Schorndorf, über 500 Jahre alt, wird derzeit einer Generalsanierung unterzogen. Steinmauern sind dünn geworden, im Chor bröckelt es besonders, die „Empore kam uns entgegen“. Der Boden muss saniert, Elektrik und Heizung auf den neuesten Stand gebracht werden. Ein Haus, auch ein Kirchenhaus, muss ab und an eben renoviert werden. Dabei können es die aktuellen Nutzer so erweitern oder verändern, dass es ihren Ansprüchen genügt. Nach dieser Renovierung wird wieder manches anders werden, im Inneren der Kirche und auch im Inneren der Gemeinde. Wer die Baustelle besucht, wer mit den Bauarbeiterinnen und Arbeitern aus der Gemeinde spricht, ahnt, dass auch sie verändert, erweitert, manche vielleicht sogar „umgebaut“ sind.

Einziehen ins neue, alte Kirchenhaus sollen Räume, in denen das Platz hat, „was Kirche heute ist“. Die Stadtkirche soll zur Kirche für alle, zu einer Kirche für die Bürger werden. Und das ist wörtlich gemeint: Wenn die Bauarbeiten abgeschlossen sind, ist die Kirche jeden Tag von 9 bis 18 Uhr geöffnet. Die Kirche steht allen offen, egal welche Konfession sie haben oder ob sie überhaupt eine haben.

Man wird das Risiko eingehen, morgens nicht zu wissen, wer mittags in die Kirche kommen wird. Was dieser Mensch hier tun will, erfahren wird, ob er das, was er vorfindet, vielleicht sogar mit seiner Anwesenheit verändert.

Pfarrerin Eisrich steht auf ihrer Baustelle, die während der vergangenen Monate zur Baustelle für ganz viele Gemeindemitglieder geworden ist, und weist in die Seitenkapellen, die neu ausgestattet werden: Kirche ist Diakonie, sagt Pfarrerin Eisrich: „Wir müssen parteiisch und wachsam sein.“ Kirche heißt „Zeugnis ablegen“, weshalb in einer der Seitenkapellen Platz sein wird für Geschichte und Tradition der Kirche. Kirche ist „koinonia“, eine weltweite Gemeinschaft, deshalb geht der Blick aus Schorndorf auch in die Welt zu anderen Gemeinden und Menschen, und Kirche ist „liturgia“, Liturgie, also die Gesamtheit der Riten und Formen eines Gottesdienstes.

„Es ist überwältigend, wie viel Solidarität da ist“

Die Kirche war in der Vergangenheit manchmal zu groß, Plätze auf den Bänken bleiben leer. Es war, wie wenn eine Familie ein großes Haus besitzt, viele aber längst ausgezogen sind. Die neue Ordnung schafft kleinere Räume, in denen man sich wieder nahe kommen kann. „Der Bau inspiriert und verbindet uns“, sagt Pfarrerin Eisrich und das über die gesamte Kirchengemeinde der Stadt.

Es ist ein beinahe befreiendes Gefühl auf dieser Baustelle, man traut sich was. Die Profis unter den Handwerkern sind gefordert: Sie haben eine Baustelle zu schaffen, an die sie sich lange erinnern werden. Die freiwilligen Helfer, in der „Bauhütte“ organisiert, schaffen unter dem mit Plastik verhüllten Holzkreuz, was sie können. „Es ist überwältigend, wie viel Solidarität da ist“, schwärmt die Pfarrerin.

Eine Baustelle ist ihrem Wesen nach ein unfertiger Ort. Man sieht in aufgerissene Wände hinein, bemerkt Fehler und muss mit Kraft Altes abschlagen. Dieser riesige, auch Ehrfurcht einflößende Kirchenbau zeigt sich von seiner verletzlichen Seite, zeigt, dass ihm die Jahrhunderte auch zugesetzt haben, zeigt, dass er die Sorgfalt der Menschen braucht.

Das schadet der Kirche aber nicht, hat die Pfarrerin erfahren. Ganz bewusst hat sie die Kirche während der Bauzeit für die Bevölkerung geöffnet: Während der Kunstnacht spielte hier eine Band und Konfirmanden veranstalteten einen „Flashmob“. Die Kirchenbänke standen in der Stadt auf öffentlichen Plätzen und boten außerhalb des üblichen Rahmens Orte zum Ausruhen oder für einen Schwatz mit Bekannten und Fremden.

Roland Wöhr, ehrenamtlicher Kopf der „Bauhütte“, kommt herein, läuft zum Gerüst in der Mitte des Schiffes und nimmt eine von der Decke schwebende Platte entgegen. Als Lehrling in den späten 50er Jahren hat er hier auch schon gearbeitet. Das Radio im Hintergrund dudelt immer noch. Die Orgel hört man spätestens am 1. Advent wieder.

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: Eisrich

 

 

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