Körpereinsatz für zehn Aufrechte

ZVW, 2014-03-12. Barbara Pienek: Serie „Kunstwerk“: Christoph Traub hat fürs Armer-Konrad-Jubiläum den Hingerichteten eine Skulpturenreihe gewidmet

Schorndorf. Die Widerständigkeit des Materials passt zur standhaften Haltung der zehn zum Tode Verurteilten. Vor 500 Jahren wurden sie, die am Bauernaufstand „Armer Konrad“ beteiligt waren, auf dem Schorndorfer Wasen geköpft. Für sie hat Bildhauer Christoph Traub in seinem Atelier im Röhm-Areal zehn Erinnerungsstelen geschaffen – und die Haut als Spiegel des Lebens genauso in den Fokus gerückt wie ihr Rückgrat.

Viermal Hans, zweimal Jacob, einmal Michael, Jörg, Schwartzhans und Ludwig. Dass die Namen der zehn Hingerichteten heute noch bekannt sind, ist für Christoph Traub schon „etwas Besonderes“. Und darum war ihm auch wichtig, dass die Vornamen auf den fast drei Meter hohen Stelen in Augenhöhe zu lesen sind. Buchstabe für Buchstabe hat er sie aus dem Stein gefräst, von der Brust bis hinunter auf Nabelhöhe. Wie eingebrannt wirken die Namen jetzt – und geben den Opfern, wenn auch kein Gesicht, so doch Identität.

Die Obrigkeit hatte den aufständischen Bauern am 7. und 8. August 1514 die Köpfe abschlagen und die geschundenen Körper auf dem Friedhof bei der Stadtkirche verscharren lassen – in zum Teil entwürdigenden Posen, mit dem Haupt zwischen den Beinen. Was vor 500 Jahren in Schorndorf als Folge des Bauernaufstands geschehen ist, „die brutale Hinrichtung“, das berührt Christoph Traub, auch wenn er sich nicht bis ins letzte Detail in die historischen Zusammenhänge eingelesen hat. Doch als Kulturforums-Vorsitzender Eberhard Abele ihn zu einer Arbeit zum Armer-Konrad-Jubiläum animierte, war ihm klar: Wie die Bauern für ihre Sache einstanden, Courage zeigten, Rückgrat bewiesen, das wird sein Thema sein. Und diese Haltung nehmen jetzt auch die Stelen ein: aufrecht und – in der Seitensicht – mit betont durchgedrücktem Kreuz.

Dieses „sich Hinstellen“ ist für Traub, ohne sich selbst in endlosen Erklärungen verlieren zu wollen, auch heute noch als Thema relevant. Der Rest ist Gedenken. Als Erinnerungshilfe soll die Skulpturenreihe dienen, nicht die Opfer abbilden. Die Arbeit soll unter die Haut gehen, die bei Traub als Spiegel des Lebens ja sowieso in den Fokus gerückt ist. Sie zeigt Lebensspuren, erzählt in Falten und Narben, erscheint durchlässig und bleibt in ihrer Versehrtheit doch beständig; will berührt werden – wie die Stelen, die brüchig wirken und unvollkommen mit ihren scharfen Kanten.

Dass die Arbeitsspuren sichtbar bleiben, das ist es, was den 50-jährigen Künstler am Stein als Material seit Jahren reizt. Und: die Widerständigkeit, die den ganzen Körper fordert. So hat er über ein Jahr lang die zehn Hingerichteten aus flachen Kalksandsteinplatten geschaffen, hat den Fränkischen Jura exzessiv mit dem Winkelschleifer und Presslufthammer, mit Meißel und Fäustel bearbeitet. „Ich nutze alles, was mir hilft“, sagt Traub, den die Unmittelbarkeit des Steins und dessen räumliche Begrenztheit faszinieren. „An Stahl“, sagt er, „kann man immer noch was anschweißen.“ Statt dieser Erweiterungsmöglichkeit, die in die Länge gehen kann, bietet Stein für ihn einen entscheidenden Vorteil: Volumen.

Seit 2002 im Röhm-Areal, in der ehemaligen Gerbstofflagerhalle

Platz für seine monumentalen Arbeiten bietet Christoph Traub seit 2002 die ehemalige Gerbstofflagerhalle der alten Lederfabrik. Zuvor hatte er – nach einer Steinmetzlehre und zweijährigem Studium an der Kunstakademie Karlsruhe – als freischaffender Künstler erst in Kuchen sein Atelier, dann lange in Winterbach. Der hohe Raum im Röhm-Areal bietet aber nicht nur ideale Arbeitsbedingungen, er eignet sich auch zur Präsentation der Werke, die sich ansonsten im öffentlichen Raum behaupten müssen, wie das „Tor der Ahnen“ in der Raible-Anlage, die geflügelte Freiplastik, die über der Rems-Brücke im Röhm-Areal schwebt, auf dem Strümpelbacher Skulpturenpfad, der Waiblinger Schäferkreuzung, in Urbach, Aalen, Herrenberg, aber auch in Frankreich, Belgien, der Türkei und Ägypten. Dort – wie auch in Syrien, Albanien und China – war der Schorndorfer in den vergangenen Jahren auch zu internationalen Symposien eingeladen.

In Schorndorf werden die zehn Hingerichteten von 11. Mai bis 31. Oktober auf der Südseite der Stadtkirche zu sehen sein. Nicht als eng zusammenstehende Gruppe – dafür bietet der Platz zwischen Kirche und Stadtmuseum nicht genügend Raum –, sondern über die ganze Kirchenlänge verteilt. Eine Stele hat die Stadt Schorndorf gekauft, doch für Christoph Traub steht eigentlich fest, dass die Gruppe nicht auseinandergerissen werden soll. Vielleicht, sagt er, biete sich ja eine Möglichkeit, sie über Patenschaften vereint zu lassen. Ein idealer Platz wären für Traub dann die Schlosswallgüter; und nicht nur, weil das Burgschloss ganz allgemein für die Obrigkeit steht, sondern weil Herzog Ulrich, der die Aufständischen vor 500 Jahren köpfen ließ, auch das Schorndorfer Schloss erbaut hat.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

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