Fair einkaufen und nicht verzichten

ZVW, 2013-09-27 Schorndorf ist die 134. deutsche Stadt, die sich ökologische und soziale Verantwortung auf die Visitenkarte schreibt

Schorndorf. Noch vor der Landeshauptstadt spielt Schorndorf in der Königsklasse in einer Liga mit London, Rom und San Francisco. Um Fußball geht’s dabei nur bedingt. Eher um Fußbälle, Kaffee und Hosen, hergestellt unter fairen Bedingungen und zu angemessenen Löhnen. Die Daimlerstadt kann sich nun offiziell „Faire Handelsstadt“ nennen, weil sie das Thema Nachhaltigkeit in den Vordergrund rückt und dabei nicht bloß redet, sondern handelt.

Das „Fairtrade-Siegel“ vergibt der gemeinnützige Verein TransFair. Ehrenbotschafter Manfred Holz übergab im Rathaus Oberbürgermeister Matthias Klopfer die Urkunde für diese „Königsklasse“, in die Schorndorf aufgestiegen ist, so Holz. Doch wer wie im Fußball in der höchsten Klasse bestehen will, muss sich stetig beweisen und nachlegen: „Jetzt geht die Arbeit erst richtig los“, sagt Helmut Hess von der Lokalen Agenda 21. Diese Gruppe und der Arbeitskreis für gerechte Entwicklungspolitik hatten sich monatelang um das Siegel bemüht (wir berichteten).

Das Zertifikat „Faire Handelsstadt“ wird für zwei Jahre verliehen, wenn die Menschen in der Kommune ein gewisses Sortiment an fair gehandelten Produkten kaufen können, Politik, Medien, Wirtschaft, Institutionen und Vereine mitmachen und es eine zentrale Steuerungsgruppe gibt. „Schorndorf ist Mitglied im Klimabündnis, es gibt einen Ratsbeschluss gegen ausbeuterische Kinderarbeit, der Weltladen el mundo organisiert Aktivitäten im Rahmen der Fairen Woche. Für Bildungsarbeit zum Globalen Lernen und Fairen Handel wurde ein globales Klassenzimmer eingerichtet“, sagt Hess. Das waren gesellschaftspolitische Bedingungen, um das Siegel zu erlangen. Die große Aufgabe lautet nun, die Menschen von den Vorzügen einer fairen Handelsstadt zu überzeugen. Möglichen Befürchtungen, dieses Thema und nicht nur fair gehandelter Kaffee könnten einigen Leuten bitter aufstoßen, entgegnete Hess: „Fair-Handeln, Fair-Kaufen, Fair-Werten, Fair-Leben heißt nicht Ver-Zicht auf Lebensqualität.“

Der Hang zum Schnäppchenjäger schmälert das soziale Gewissen Bewusstsein schaffen.

Davon sprechen die Verantwortlichen. Manfred Holz von TransFair nennt Statistiken, die eine deutsche Doppelmoral offenbaren. 99 Prozent der Bürger seien laut Umfragen für faire Löhne. Doch wie passt das zusammen mit der Mentalität des Schnäppchenjägers? „Die Zeit zum Umdenken ist reif“, sagt er in seiner Festrede, die zahlreiche politische Botschaften enthält. Er wettert gegen Ausbeutung, Kinderarbeit, weltweiten Hunger und die Verletzung von Menschenrechten. Dagegen kämpfe TransFair seit über 20 Jahren. Die Idee: Kauft jemand ein Produkt mit dem Fair-Trade-Siegel, weiß er, dass bei der Herstellung ökologische und soziale Kriterien eingehalten wurden. Die Produzenten in den Herstellerländern erhalten beispielsweise angemessene Preise.

Gibt es also in Schorndorf in Zukunft nur noch fair gehandelte Produkte? Nein. Es reicht, wenn eine kleine Anzahl mitmacht und in ihrem Sortiment fair gehandelte Artikel präsentiert. Inzwischen bieten in Schorndorf 16 Geschäfte Waren aus dem fairen Handel an, fünf Cafés und Restaurants schenken Fairtrade-Produkte aus, vier Schulen, vier Vereine, katholische und evangelische Kirchengemeinden verwenden und verkaufen Fairtrade-Produkte, listet Helmut Hess auf. Das Angebot ist da. Fehlt noch die Nachfrage.

Manfred Holz liefert wieder Zahlenmaterial. Der Pro-Kopf-Verbrauch von Fairtrade-Produkten liege in Deutschland bei 6,50 Euro. Die Schweizer investieren bereits 41 Euro. Man müsse aus der „exotischen Nische“ heraus, sagt Holz. Er wünscht sich eine Bürgerbewegung, die sich für verantwortlich gehandelte Produkte starkmacht. Die Menschen sollen fair, regional und/oder saisonal kaufen. „Viele haben teure Kaffeemaschinen und trinken billigen Kaffee“, ruft er. Es gebe mittlerweile so viele Sorten an fair gehandelten Bohnen, die nicht einmal viel teurer seien, so dass sich kaum noch jemand auf Geschmack oder Preis als Ausrede berufen könne. „Wir müssen das Elend bekämpfen, bevor es entsteht!“ Helmut Hess spricht von einer „Politik mit dem Einkaufskorb. Wer einkauft, entscheidet mit, ob Menschen missbraucht und ausgebeutet werden oder in Würde leben und arbeiten können.“ Die Kampagne zielt darauf, das soziale und ökologische Bewusstsein in der Daimlerstadt weiter zu schärfen.

Das muss allerdings nicht immer eine Frage des Geldes sein, macht Hess ebenfalls deutlich. Niemand werde gezwungen, mitunter teure Bioprodukte zu kaufen. Wer sich so etwas nicht leisten kann oder wolle, könne auch anders einen Beitrag leisten. Mal das Auto stehen lassen und weniger Wasser verbrauchen. In die Pflicht nimmt er die Bürger nicht beim Geldbeutel. „Sich zu informieren kostet kein Geld.“ Das wäre ein erster wichtiger Schritt.

Ökologische und soziale Themen in den Unterricht einbauen

OB Matthias Klopfer dankte den engagierten Schorndorfern für ihr jahrelanges, mitunter auch forderndes Engagement, das auch vor fair gehandelten Pflastersteinen nicht haltmacht. Es sei allerdings auch „wichtig, dass sich die Jüngeren mit diesen sozialen und ökologischen Themen auseinandersetzen“. Die waren ebenfalls vor Ort.

Während an anderen Ständen fairer Kaffee, faire Schokolade und faire Tüten verteilt wurden, konnten sich die Gäste bei Michael Oelschlegel, Sportlehrer am Burg-Gymnasium, und seinen Schülern sportlich betätigen. Einige Besucher gingen vor dem Thema Nachhaltigkeit in die Knie, als sie unter einer Limbotanzstange durchtanzen wollten. Allerdings könnte das Engagement der Mehrheit der Schüler etwas größer sein, findet der Lehrer. Einzelne seien sehr engagiert. Aber die Mehrheit bewegten diese Themen, wie sie lokale Agenda anspricht, kaum. „Darum ist es wichtig, sie in den Unterricht einzubauen“, sagt er.

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

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