Zwei Prachtbibeln in der Stadt

ZVW, 2013-09-27: Stadtkirche hat gleiche Kurfürstenbibel wie Stadtmuseum / Vortrag im Martin-Luther-Haus

Schorndorf. Dass es in einer Kleinstadt wie Schorndorf zwei Kurfürstenbibeln gibt, sei selten, so Dr. Christian Herrmann, Leiter der Bibelsammlung der Landesbibliothek, bei seinem Vortrag „Die Kurfürstenbibel von 1652“. Er weiht in die Geheimnisse der Prachtbibel ein, die das Stadtmuseum von einem Weilermer geerbt hat. Und die Zuhörer dürfen anschließend im drei Jahre älteren Exemplar der Stadtkirche blättern.

Mit ihrem Einband aus Schweineleder, in den Ornamente geprägt sind, mit klobigen Verschlägen und teils etwas angefressenen Seiten liegt sie auf einem Tisch neben dem Rednerpult: die barocke Kurfürstenbibel der Stadtkirche – eine über 360 Jahre alte Zeitzeugin. Sie erzählt von den Herrschern ihrer Zeit und von den Ansichten damaliger Gelehrter über die Verbreitung des Inhalts der Heiligen Schrift. Denn rund 1700 Seiten dick wäre der Wälzer nicht, wenn nur das Alte und Neue Testament darin enthalten wären. So eine große teure Bibel war vor allem auch wegen ihres Zusatzmaterials beliebt bei Leuten, die sich ein solches Exemplar leisten konnten – zum Beispiel eine Stadtkarte von Jerusalem oder ein Ketzerbaum, an dessen Spitze Muslime und der Papst stehen. Letzterer sei aber schon nach vier Ausgaben herausgenommen worden, so Christian Herrmann.

Dazu gibt’s eine rund 70 Seiten lange Vorrede. Ein angesehener Theologe der Zeit beschreibt darin den Auftrag der oberen 10 000, das Evangelium weiterzuverbreiten. Der Staat galt als von Gott eingesetzte Ordnung“, erklärt der wissenschaftliche Bibliothekar. „Er konnte keine Sünden vergeben, hatte aber eine Fürsorgepflicht für die Bürger.“ Dazu habe auch die Sorge ums Seelenheil gehört. „Die Bibel galt als Heilmittel für die Gesellschaft.“ Ursprung für diese Ideen waren die Theorien Luthers.

Insgesamt waren 29 Theologen am Buch beteiligt. Sie sollten die Bibel so übersetzen, dass sie verstanden wird. Deshalb gibt es in einem riesigen Anhang Erklärungen von Sätzen, Worten und Vergleichen. Ein solches Buch wird wegen all dem Zusatzmaterial nicht schlicht als Bibel bezeichnet, sondern als Bibelwerk.

Nicht aber, weil die Bibel an die Reichen gerichtet war, bekam sie ihren Namen, sondern weil Kürfürsten und andere Herrscher der damaligen Zeit darin zu sehen sind – meist die Geldgeber des Verlags. Diese sind in Kupferstichen auf den vordersten Seiten zu sehen – gerne mit Kinderschar. Nach dem 30-jährigen Krieg, der einen Großteil der Bevölkerung dahingerafft hatte, sei es selten gewesen, dass Familien viele Kinder hatten, so Christian Herrmann. Wer dennoch eine große Familie zustande brachte, galt als von Gott besonders gesegnet.

In dieser Bibel ist auch ein Bild von Christina Königin von Schweden enthalten. Ihr ist das Buch gewidmet. Sie galt als Vorbild, das aus einer protestantischen Familientradition entstammte. Nach etwa der vierten Auflage verschwand aber ihr Bild daraus. Das große Vorbild hatte nach Rom geheiratet und konvertierte pragmatischerweise zum katholischen Glauben.

Mit der Prachtbibel Katholiken und Spiritualisten Kontra geben

In Auftrag gegeben hatte die Bibel ein Herzog, und zwar Ernst I. von Sachsen-Weimar, der auch als Ernst der Fromme bekannt war und sich freilich in betender Pose im Werk verewigen ließ. Er war ein Lutheraner und wollte mit der Prachtbibel den Katholiken und den Spiritualisten seiner Zeit etwas entgegensetzen. Und das in besonders schöner Form als Prachtbibel mit tollen Bildern. Deren heute meist in Vergessenheit geratene Symbolik erklärt der Bibelexperte Stück für Stück. Ein sehr beliebtes Motiv dabei: Jesus in der Kelter, das schon auf der Titelkopfseite auftaucht. Das Gleichnis von der Kelter in Jesaja 63 wird dabei dargestellt. Der Wein fließt aus als Blut Christi. Jesus ersticht Tod und Teufel – ein Symbol für deren Überwindung. Weiter unten stehen sich Adel und Bürgertum auf gleicher Höhe gegenüber. Das bedeutet: „Egal welchen Standes, die Schrift geht alle an“, so Herrmann.

Das Werk mit den prachtvollen Bildern erhielt das Stadtmuseum im vergangenen Jahr als Schenkung aus dem Nachlass des früheren Weilermer Ortsvorstehers und Schorndorfer Stadtrats Helmut Schwarz. „Sie war bereits sehr sehr lange Zeit im Besitz der Familie gewesen und Schwarz bekam sie dann – zusammen mit einem Jagdgewehr – 1943 zur Konfirmation“, erzähltMuseumsleiterin Andrea Bergler bei der Veranstaltung

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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