Die Kirche ist nicht das Reich Gottes

ZVW, 2013-03-05: Ökumenische Gesprächsreihe zu Schriften von Joseph Ratzinger ist durch Papst-Rücktritt unerwartet aktuell geworden

Schorndorf. Als der evangelische Dekan Volker Teich auf die Idee gekommen ist, vier ökumenische Gesprächsabende zu Kapiteln aus den Bänden über „Jesus von Nazareth“ von Papst Benedikt XVI. zu veranstalten, da ahnte noch niemand etwas vom Rücktritt des Papstes. Vielleicht erklärt dieses überraschende Ereignis das große Interesse am ersten der vier Gesprächsabende, an dem es um das Reich Gottes ging.
 
„Wir staunen, wie viele wir heute sind“, bekannte Gastgeber Volker Teich angesichts von rund 100 Interessierten, die es im Nachhinein rechtfertigten, dass die Veranstaltung kurzfristig von einem kleinen Raum in den großen Saal des Martin-Luther-Hauses verlegt worden war. Er sei „fasziniert von der Diktion“ dessen, was er da im Urlaub auf Korsika von Joseph Ratzinger beziehungsweise Benedikt XVI. gelesen habe, sagte Teich, der seine spontane Reaktion so beschrieb: „Lieber Papst: Sag’ doch mal an der Stelle, was uns überhaupt noch trennt.“ Und zumindest am ersten Abend, den inhaltlich der katholische Dekan Manfred Unsin bestritt, offenbarte sich so gut wie gar nichts Trennendes. Zumal Unsin in der Zusammenfassung dessen, was er aus den Ausführungen Ratzingers herausgelesen hat, feststellte, das Reich Gottes sei größer als die Kirche und verbinde deshalb auch die verschiedenen Religionen und Konfessionen. Insofern stelle sich zwischen den Konfessionen auch keine weltlich gedachte Wertschätzungsfrage, sondern biete es sich an, die offenkundig vorhandenen Meinungsverschiedenheiten in Ruhe und Gelassenheit auszutragen. „Nach dem Tod wird es keinen evangelischen oder katholischen Himmel geben“, sagte der katholische Dekan und stellte mit Blick auf die eigene Fakultät und ihren seitherigen Oberhirten (selbst-)kritisch fest: „Wir sollten keine Absolutheiten an der falschen Stelle setzen, da muss die Katholische Kirche noch viel lernen.“
 
Das Kapitel über das Reich Gottes ist aus Sicht von Manfred Unsin auch deshalb von zentraler ökumenischer Bedeutung, weil es die Kernfrage des christlichen Glaubens betrifft. Und als zentrale Botschaft gilt für den Dekan: „Es gibt kein Christentum ohne Christus und ohne das Bekenntnis, das den Glauben an den von Jesus verkündigten Gott einschließt.“ Was, so der Dekan, in krassem Widerspruch stehe zu einem „Reden von Gott und Geist, das sich verflüchtigt zu einer diffusen Spiritualität“. Auf die Frage, was Jesus denn gebracht habe, wenn er nicht Wohlstand, Frieden und eine bessere Welt gebracht habe, gibt’s für Unsin nur eine Antwort: „Er hat Gott gebracht.“ „Kein Reich dieser Welt ist das Reich Gottes: Menschenreich bleibt Menschenreich“, betonte Manfred Unsin, dem von allen im Werk Ratzingers gegenübergestellten Interpretationen des „Reich-Gottes“-Begriffes am wenigsten die seiner Meinung nach auch längst widerlegte von der Gleichsetzung von Reich Gottes und Kirche gefällt. Weil sonst stimmen würde, was ein Kritiker gesagt hat: „Jesus verkündigte das Reich Gottes und gekommen ist die Kirche.“ Daran anknüpfend stellt sich für Unsin eine Grundfrage christlichen Glaubens: „Ist Jesus nur ein Bote, der eine letztlich von ihm unabhängige Sache zu vertreten hat, oder ist er die Botschaft selbst?“
 
„Gott wird nicht mehr gebraucht, er stört – und die Kirche erst recht“
 
„Die Religion“, stellt Unsin unter Berufung auf Joseph Ratzinger und Benedikt XVI. fest, „entfernt sich von Gott.“ Der Glaube, sagte der Dekan im Luther-Haus, werde „finalisiert auf politische Ziele hin“. Religion zähle nur insoweit, wie sie dem Bemühen des Menschen dienlich sei, sich diese Welt und sich in dieser Welt einzurichten. Alle Religionen hinter politischen Forderungen wie Friede, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung zu versammeln, sei keine Kunst, die Unterschiedlichkeit einzelner Konfessionen oder Religionen werde negiert. Die Folge: „Gott wird nicht mehr gebraucht, er stört – und die Kirche erst recht.“ Demgegenüber steht die Position eines Reiches Gottes, das laut Unsin nur von der Ganzheit der christlichen Botschaft her zu verstehen ist. Dazu gehört der Glaube an einen lebendigen, konkret handelnden und die Fäden der Welt in Händen haltenden Gott, der allerdings den freien Willen des Menschen respektiert, dem so viel Unheil geschuldet ist. Richtiger als vom Reich Gottes („ein abstrakter Begriff und doch Wirklichkeit“) zu reden, wäre es aus Sicht von Dekan Unsin, von der „Herrschaft Gottes“ zu sprechen. Einer Herrschaft, die den Menschen durch Jesus Christus näher gebracht worden ist, einer Herrschaft, die ohne weltliche Macht auskommt und sich allein in der Liebe zeigt, die bis ans Kreuz geht. Daraus folgt: „In Jesus nur einen Boten oder einen großartigen Menschen zu sehen, ist nicht christlich. Christ ist nur, wer Christus sieht und kennt und liebt als Sohn Gottes.“
 
Auf Nachfrage des Pastors der evangelisch-methodistischen Gemeinde, Stefan Reinhardt, ob sich die beiden von Ratzinger aufgezeigten Pole vom politischen Handeln auf der einen und von Jesus Christus als Heil nicht doch harmonisieren ließen, stellte Unsin bedauernd fest, das sei „nicht gelungen“. Alle Bemühungen hätten immer zum gleichen einseitigen Ergebnis geführt: „Die Politik ist geblieben und Gott ist weg.“ Und sie ließen sich auch nicht vereinbaren, weil „Politik das Machbare und Gott ein Geschenk“ sei. Und weil, so die Ergänzung von Dekan Teich, die Wahrheit absolut bei Gott sei, während die Politik nie absolut wahrhaftig sein könne. Im Übrigen, so Teich, sei Luther ganz nah bei Ratzinger, wenn er feststelle; „Christus bewährt sich in der Liebe.“ Und faszinierend an dem, was er gelesen und jetzt von seinem Kollegen Unsin bestätigt bekommen hat, findet Teich: „Ratzinger setzt das Reich Gottes nicht mit der Katholischen Kirche gleich, sondern mit Jesus Christus.“
 
Info
 
Die ökumenische Gesprächsreihe wird am morgigen Mittwoch, 6. März, im Gemeindesaal der katholischen Heilig-Geist-Kirche fortgesetzt. Beginn ist um 19.30 Uhr. Diesmal geht es um das, was Joseph Ratzinger beziehungsweise der mittlerweile emeritierte Papst Benedikt XVI. zur Bergpredigt gesagt hat. Die Auslegung des Textes übernimmt Dekan Volker Teich.

 

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: ZVW

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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