Altkleider erhitzen die Gemüter

Der transparente Weg Ihrer Altkleidung am Beispiel FAIRWertung und „Aktion Hoffnung“

Rems-Murr-Kreis trifft in Schorndorf auf ökumenische „Aktion Hoffnung“. Einen gleichermaßen emotionalen wie informativen Abend über Altkleider haben 40 Besucher am Donnerstag (08.05.) im Martin Luther-Haus erlebt. Brisanz bekam das Thema, weil der Rems-Murr-Kreis aktuell in Schorndorf in einem Testlauf selbst Altkleider sammelt. Dadurch fühlt sich die kirchliche „Aktion Hoffnung“, die in der Stadt seit Oktober drei Container betreibt, in ihrem Geschäftsmodell bedroht. 

„Kommunale Sammlungen sind auf Gewinn ausgerichtet und zerstören karitative Sammelstrukturen,“ ging Anton Vaas in seinem einstündigen Vortrag auf Konfrontation. Den Geschäftsführer der „Aktion Hoffnung“, deren Träger die Diözese Rottenburg-Stuttgart ist, hatte Helmut Hess von der „Lokalen Agenda“ in die Daimlerstadt geholt. Der Protestant war es auch, der sich 2013 für die kirchlichen Containerstandorte in seiner Stadt eingesetzt hatte. Dass unter den Zuhörern Gerhard Balthasar saß, Geschäftsführer des kreiseigenen Abfallwirtschaftsbetriebs, garantierte, dass auch die vermeintliche Gegenseite zu Wort kam.

Bundesweit, so Vaas, fallen jährlich 800.000 Tonnen Altkleider an, was zwölf Kilo je Einwohner entspricht. Das sei gegenüber 1996 eine Steigerung um 20 Prozent, in der sich zweierlei spiegelt: Mittlerweile flächendeckende, systematische Sammlungen und der Vormarsch preisgünstiger Textildiscounter mit oft monatlich wechselnden Kollektionen. Zum Vergleich: „Aktion Hoffnung“ sammelt in Württemberg in 1180 Containern 5000 Tonnen jährlich. Landen im Schnitt in jedem Container, der wöchentlich geleert wird, 360 Kilo Altkleider im Monat, bringen es die Schorndorfer Boxen bereits in der Startphase auf bis zu 680 Kilo im Monat. Bundesweit sinken die Ertragswerte je Container, so der Referent, seit Jahren. Der Grund: Weil sich seit 2008 der Weltmarktpreis für Altkleider verdreifacht hat, ist der Markt für Kommerzielle und Kriminelle interessant geworden. So hat sich die Zahl der Sammelstellen vervielfacht. Die Stadt Ulm etwa habe vor zwei Jahren ihre 112 Containerstellplätze öffentlich ausgeschrieben und für ein Höchstgebot von 360.000 Euro für drei Jahre an einen Bieter vergeben.

„Bei diesen Dimensionen können wir nicht mithalten,“ sagt Vaas, dessen Organisation seit 1990 ihre Sammel- und Verwertungsstrukturen aufgebaut hat. 1994 war „Aktion Hoffnung“ Gründungsmitglied des Vereins FairWertung. Diesem gehören heute 100 karitative Organisationen an, die zusammen 41.000 Tonnen Altkleider pro Jahr sammeln. Das entspricht einem Marktanteil von gut fünf Prozent. Die Mitglieder verpflichten sich auf Gemeinnützigkeit, Transparenz und Legalität in allen Bereichen vom genehmigten Standort des Containers bis zu Zoll- und Einfuhrbestimmungen in einzelne Exportländer.

Vaas räumt auch mit dem Vorwurf auf, die Sammler hätten mit ihren Billigimporten afrikanische Textilstrukturen zerschlagen: Dies sei bereits um 1980 mit der Weltmarktliberalisierung geschehen. Seither komme dorthin Neuware aus Asien, die billiger als europäische Altkleider sei. Und: Diese Altkleider gäbe es dort erst seit 1990 in größerem Stil, wo sie direkt an Gefängnisse, Alten- oder Kinderheime gingen, wo Menschen eingekleidet werden, die überhaupt kein Geld für Kleider hätten. Andere Trachen gingen in kirchliche Kleiderkammern vor Ort, wo Jobs entstehen, weil Textilien umgenäht werden, Handelsstrukturen wachsen oder Erlöse in Bildung und Infrastruktur investiert werden.

Den Rems-Murr-Kreis warnt der Referent vor dem Einstieg in diesen Markt, weil die Preise neuerdings fallen. Gründe sind die Unruhen in der Ukraine und die Tatsache, dass mittlerweile auch die Chinesen Altkleider recyceln. Von den bundesweit 130.000 Containern stünden rund 30 Prozent mittlerweile illegal. In Stuttgart war 2013 ein Osteuropäer aufgeflogen, der in der Region Stuttgart 320 Container stehen hatte. Zum Vergleich: Die Stadt Stuttgart hat insgesamt 80 Boxen genehmigt.
AWG-Geschäftsführer Gerhard Balthasar („95 Prozent ihres Vortrags kann ich nur unterstreichen“) fühlt sich von Vaas zu Unrecht attackiert. Der Kreis arbeite nicht gegen die Kirchen, sondern unternehme alles, um das Müllvolumen zu senken. Denn Analysen hätten ergeben, dass je Kreisbewohner und Jahr knapp drei Kilo Textilien im Hausmüll landen. Das entspricht einem Volumen von 1000 Tonnen, das in der Verbrennung 140.000 Euro pro Jahr kostet. Auf der Gemarkung Schorndorf, die knapp zehn Prozent der Kreisbewohner repräsentiert, solle nun mit regelmäßigen Leerungen erprobt werden, „wie viel Textilien wir vom Hausmüll abschöpfen können.“ Selbstverständlich suche auch der Kreis Verwertungswege, um aus den Textilien Erlöse zu erzielen.

Während Balthasar darüber aber öffentlich nicht reden wollte, legt Vaas seine Wege offen: So gehen rund 500 Tonnen seiner Altkleider pro Jahr nach Laupheim, wo 800 Ehrenamtliche im Auftrag eines Missionsvereins die Textilien von Hand im Zwei-Schicht-Betrieb sortieren. 4800 Tonnen liefert „Aktion Hoffnung“ an die Striebel Textil GmbH bei Riedlingen, die FairWertung-zertifiziert ist. Dort sortieren 120 Mitarbeiter 12.000 Tonnen pro Jahr. Rund 45 Prozent dieser Textilien sind tragbar, 40 Prozent werden als Putzlappen oder Dämmstoffe für die Industrie recycelt und 15 Prozent bleiben als Abfall.

Hess hoffte am Ende des ökumenischen Abends, die aktuelle Kontroverse mache das wichtige Öko-Thema und die drei Standorte der kirchlichen Container in der Welzheimer Straße (bei Gasthaus Sonne), Schlachthausstraße und Uhlandstraße/Raible-Anlage (je bei Glascontainern) bekannter. Auch Balthasar hatte nichts dagegen, wenn „Aktion Hoffnung“ in Schorndorf weitere Standorte erhält. Hess will nun mit OB Matthias Klopfer reden. (Leo Fromm)

Eingeladen hatten: die Lokale Agenda 21 Schorndorf in Kooperation mit der Evang. Stadtkirchengemeinde Schorndorf , Kath. Kirchengemeinde Schorndorf.

Impressum

Evangelische Stadtkirchengemeinde Schorndorf
Friedrich-Fischer-Strasse 4
73614 Schorndorf
  Telefon:(07181) 979619
     Fax: (07181) 979629
Pfarramt.Schorndorf.Stadtkirche-West[at]elkw.de

 


Evang. Kirchenpflege Schorndorf, Schlichtener Str. 21
Kreissparkasse Waiblingen
BIC    SOLADES1WBN
IBAN    DE74 6025 0010 0005 3819 37

 

 
Die Evangelische Stadtkirchengemeinde ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Sie wird vertreten durch den kirchengemeinderat, der wiederum durch die 1. Vorsitzende Pfarrerin Dorothee Eisrich oder den 2. Vorsitzenden Dieter Feser.Inhaltlich verantwortlich nach $5 Telemediengesetz (TMG) und §55 Staatsvertrag über Rundfunk und Telemedien (RSTtV): Geschäftsführende Pfarrerin Dorothee Eisrich. [Haftungsausschluss