Die Kirche als Akteurin gegen rechte Gewalt

Schorndorfer Nachrichten. Ein unbequemes Thema und herausragende Musik erlebten mehr als 100 Besucherinnen und Besucher kürzlich in der Gottesdienst-Reihe „Stadtkirche am Abend“.

Hans-Ulrich Probst, Referent für die Themen Populismus und Extremismus der Evangelischen Landeskirche in Württemberg, legte den Finger dorthin, wo es wehtat, auf Rechtspopulismus innerhalb der Kirche: „Wir Christen sind keine Insel der Seligen“, sagte er und zitierte dazu aus einer Studie zum Thema Kirchenmitgliedschaft und Hass auf andere.

„Gökhan Gültekin, Sedat Burbüz, Said Hashemi, …“ – der Abend beginnt nach der Begrüßung durch Pfarrerin Dorothee Eisrich mit den Namen der im Februar in Hanau Ermordeten. Probst warnt davor, stets Einzeltäter verantwortlich zu machen – seit 1990 sind immerhin knapp 200 Menschen Opfer rechter Gewalt geworden. Für sie werden Kerzen entzündet auf Tischen mit 200 Rosen. „Die Rede vom Einzeltäter lässt die Taten an uns abprallen. Rechte Morde sind in einem größeren gesellschaftlichen Kontext zu sehen, sie sind die Spitze eines Eisbergs“, heißt es weiter. Und der Rest des Eisbergs? Finde sich auch in der Kirche, das sei eine schmerzliche Einsicht: „Die Abwertung von Schwarzen, Rassismus, ist unter Christenmenschen stärker verbreitet als unter Konfessionslosen.“ Wer diese Zusammenhänge noch nie gehört habe, habe hart zu schlucken und die hervorragende Musik der Cellisten und Pianisten (Anne Hiddeßen und Anna Meipariani, Cello; Maka Jetter und Dirk Hiddeßen, Klavier), nimmt seufzend und klagend das Entsetzen auf. Dabei enthält der christliche Glaube alles, um Hass und Ausgrenzung entgegenzutreten. Gleich ob es die Schöpfungsgeschichte ist, die von der Gottesebenbildlichkeit jedes Menschen spricht und nicht von Hautfarbe, Rasse, kulturellem Hintergrund, oder die vielen Migrationsgeschichten der Bibel. Es sei an der Zeit, aus dieser Botschaft „Widerständigkeit“ zu entwickeln gegen Menschenfeindlichkeit, Feindbilder und Populismus.

„Nächstenliebe verlangt Klarheit. Nächstenliebe wird nicht zur leeren Phrase, wenn wir auch in den Reihen der Kirche sicht- und hörbar machen, wer unter Hass und Ausgrenzung leidet. Was es bedeutet, Antisemitismus, Homosexuellenfeindlichkeit oder Rassismus zu erfahren. Lasst uns den Betroffenen zuhören“, so Probst. Dieser Appell des Referenten steht am Ende eines Abends, nachdem die Zuhörerinnen und Zuhörer mit ernüchternden Zahlen konfrontiert wurden, die zeigen, dass rechtes Gedankengut in der Mitte der Gesellschaft – und auch in der Mitte der Kirche – angekommen ist: „Es sind keine Themen der politischen Ränder. Knapp 40 Prozent der deutschen Bevölkerung meinen, dass Sinti und Roma zu Kriminalität neigen; unterschiedliche Formen des Antisemitismus sind mit knapp 30 Prozent Zustimmung in der Bevölkerung verbreitet. 40 Prozent der deutschen Erwerbstätigen befürchten, dass die Corona-Pandemie von geheimen Eliten benutzt wird, um für sich Macht und Reichtum zu erlangen.“ Es sei nicht nur Sache der großen Politik, sich zu widersetzen, sondern Aufgabe eines jeden Christen. „Nächstenliebe wird greifbar, wenn wir die Vielfalt dieser Gesellschaft annehmen. Diese Welt als Herausforderung anzunehmen, in ihr für die Gleichwertigkeit, für die gleiche Würde einzutreten – das lese ich aus den biblischen Botschaften“, so der Referent.

Musik auf hohem Niveau und Worte, die an Selbstzufriedenheit rütteln; es war ein guter, notwendiger Abend in der Stadt.

Auf der Seite der Stadtkirche www.schorndorf-evangelisch.de/stadtkirche findet sich ein Link zur Videoaufzeichnung der „Stadtkirche am Abend – Nächstenliebe verlangt Klarheit“ mit Musik und Vortrag.

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: privat

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