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Wir leben über die Verhältnisse anderer

Schorndorfer Nachrichten, 2017-07-27: Bei der Reihe „Stadtkirche am Abend“ sprach der Soziologe Stephan Lessenich über die Folgen unseres Lebenswandels

Schorndorf. Unsere Lebensweise in den reichen Industrieländern ist nur möglich, weil wir die Kosten dafür auf die ärmeren Weltteile abwälzen – so lautet, etwas vereinfacht, die Botschaft des neusten Buchs von Stephan Lessenich. In der Schorndorfer Stadtkirche präsentierte der Münchener Soziologe am Sonntag vor mehr als 150 Zuhörern seine kritische Gesellschaftsanalyse.

Zwei Gruppen habe er mit seinem Buch „Neben uns die Sintflut“ besonders im Blick gehabt, sagt Lessenich. Zum einen die Globalisierungsoptimisten der Wirtschaft. Die würden behaupten, dass von der internationalen Verflechtung letztlich alle profitieren. Doch davon seien wir im Weltmaßstab noch lange entfernt. Denn „die Weltungleichheit ist immer noch größer als die innerhalb des ungleichsten Landes“, himmelschreiend also. Zum anderen habe er der Fixierung auf die Superreichen als Ursache allen Übels widersprechen wollen. „Die Welt wäre sicher eine bessere, wenn diese stärker besteuert würden. Doch das generelle Problem wird dadurch nicht gelöst.“

Denn dies sei ein strukturelles, eines, das mit dem Kapitalismus zu tun habe und das sich auf folgende Formel bringen lasse: „Wir leben nicht über unsere Verhältnisse, sondern über die anderer.“ Will heißen: Es gibt einen grundsätzlichen Zusammenhang zwischen dem Reichtum der industrialisierten Gesellschaften des globalen Nordens und der schwierigen Lebens- und Arbeitsbedingungen der Gesellschaften des globalen Südens. „Die Kosten unserer Lebensweise werden ausgelagert in andere Regionen und die Menschen, die dort leben.“

Oder, anders formuliert: Wir leben nicht nach dem Motto „Nach uns die Sintflut“, denn die finde schon lange neben uns statt. Wobei mit „wir“ nicht alle, aber zumindest große Bevölkerungsteile gemeint seien. Und es bei den „anderen“ natürlich auch Profiteure gebe. „Doch in der Mehrheit haben sie die Folgen zu tragen.“

Medikamente für unsere Gesundheit gefährden die Gesundheit anderer

Eines von vielen Beispielen Lessenichs ist die Antibiotika-Produktion in Indien. Während das Medikament hier Leben rette, werde es durch die Produktionsweise in dem südasiatischen Land gefährdet. „Die Umwelt um die Fabriken ist in fast apokalyptischer Weise verseucht.“ Weil so viel Antibiotika ins Grundwasser fließe, bildeten sich bei den Menschen bereits Resistenzen. Und die Reaktion des Westens? Dort diskutiere man darüber, ob es Gesundheitsscreenings geben solle für Indien-Reisende.

Zweites Beispiel: Die steigende Nachfrage nach Soja (als Kraftstoff, Fleischersatz, vor allem aber als Tierfutter) habe in Argentinien zu einem radikalen Strukturwandel der Landwirtschaft geführt. Statt Fleisch werde in dem südamerikanischen Land heute vor allem Soja produziert. Mit dramatischen Folgen: Kleinbäuerliche Strukturen seien zerstört worden, Landflucht habe eingesetzt und damit einhergehend eine Monokultur, die so umweltschädigend wie vom schwankenden Weltmarktpreis abhängig sei. Produziert werde unter anderem für Deutschland – auf einer Fläche so groß wie Hessen. Unser reiches Industrieland habe seine Landwirtschaftsproduktion zum Teil ausgelagert. Länder wie USA oder China ebenso.

Der soziologische Fachbegriff dafür lautet Externalisierung. Sie ist für Lessenich nicht die einzige Erklärung für globale Ungleichheit. Aber eine ganz zentrale Voraussetzung, die zwei Dimensionen hat: Zum einen werden die Kosten unserer Konsum- und Produktionsweise ausgelagert. Zum anderen aber auch das Gewissen und das Bewusstsein darüber. „Ansonsten wären wir nicht mehr handlungsfähig.“

Noch mehr: Dieses chancen- und optionsreiche Leben sei uns regelrecht zur zweiten Natur geworden. Wir betrachteten sie als Selbstverständlichkeit, sie werde uns, soziologisch gesprochen, zum Habitus. Dieser Habitus sei alles andere als leicht abzulegen, auch weil damit eine gewisse Macht verbunden sei. Und unser Lebensstil nun mal so bequem, auch wenn er, von allen Menschen auf dem Planeten übernommen, ziemlich schnell zu seinem Kollaps führen würde. „Unsere Lebensweise ist nicht nachhaltig und nicht verallgemeinerbar.“

Regime des billigen Öls macht unseren Lebenswandel erst möglich

Ein großes Problem: „Die Gesellschaft ist so eingerichtet, dass wir zu Komplizen der Produktionsverhältnisse werden.“ Man müsse daher an die Strukturen ran, fordert Lessenich. Alle Formen des Lebens, der Teilhabe und des Konsums seien nach wie vor getragen vom Energieregime des billigen Öls. Doch diese Kohlenstoffdemokratie sei endlich. Und auch nicht durch ein Energieregime zu ersetzen, das es uns ermögliche, so weiterzuleben. „Wir suchen nach einer Entkopplung von Energieproduktion und Ressourcenverbrauch. Aber das wird nicht funktionieren.“

Zumal die Folgen unserer Lebensweise in Form von Armuts- und Fluchtmigration gerade massiv auf uns zurückschlagen würden – und eine Abschottungspolitik langfristig keinen Erfolg haben könne. Für Lessenich ist mit diesem Rückschlag aber zugleich eine Hoffnung verbunden: Diese Krise könne im besten Falle zu einer Änderung unseres Verhaltens führen. Dazu müssten wir aber all das Schönreden und Ausblenden nicht mehr hinnehmen und uns stattdessen wieder die Frage stellen: Wie müsste diese Gesellschaft eingerichtet sein? Einfache Lösungen hat Lessenich dafür nicht zu bieten. Was der Soziologe fordert, ist vielmehr das kritische, langfristige Engagement der Bürger: „Wir müssen alle viel politischer werden!“ In Parteien, NGOs, Bürgerinitiativen. Nur so ließen sich diese Verhältnisse überwinden.

Info

„Neben uns die Sintflut – die Externalisierungsgesellschaft und ihr Preis“ von Stephan Lessenich, 2016, Hanser-Verlag, kostet 20 Euro und ist über die ISBN 978-3446252950 im stationären und digitalen Buchhandel erhältlich.

 

© Schorndorfer Nachrichten, Foto: Benjamin Büttner

 

 

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